Schleusen öffnen: Kapitel 7

Am nächsten Morgen fiel ihm das Problem mit dem Walkie Talkie wieder ein: Es steckte noch immer in dem Aktenvernichter, und offensichtlich hatte sein Vater es nicht bemerkt, denn den hörte er im Badezimmer. Wenn Hannes Schindler guter Laune war, dann trällerte er alte Songs von den Rolling Stones bei der Morgentoilette, und heute trällerte er besonders inbrünstig, was nicht gleichbedeutend damit war, dass es sich um eine besonders gelungene Interpretation handelte.

Victor entschied sich, dass der Moment günstig war: Vater im Bad, Mutter noch im Schlafzimmer, also stahl er sich – noch im Schlafanzug – in das Arbeitszimmer seines Vaters, um das Walkie Talkie zu holen.

Wäre er nur einen Moment später losgegangen! Er hätte mitbekommen, dass sein Vater das lustige Medley mitreißender Stones-Klassiker für heute bereits beendet hatte. Frisch rasiert, galt es für ihn, vor dem Frühstück noch ein wichtiges Telefonat zu führen – von seinem Arbeitszimmer aus. So aber war Victor bereits um die Ecke und auf dem Weg die Treppe hinunter, als Hannes das Bad verließ und seinem Sohn unwissentlich folgte.

Gerade hatte Victor das Arbeitszimmer betreten und wollte sich an den Aktenvernichter machen, da hörte er auch schon die Stimme seines Vaters hinter sich. Und zuckte zusammen.

»Was suchst du denn hier?« Hannes klang gar nicht mehr so fröhlich wie eben noch im Badezimmer.

»Ich, ich, ich…« fing Victor an zu stottern. Fieberhaft überlegte er, welche Ausrede er seinem Vater nennen sollte.

»Du weißt doch, dass du hier nichts zu suchen hast! Wenn du was brauchst, dann frag mich vorher gefälligst!« Hannes Schindler klang nun wirklich sehr streng.

»Ich, ich…« fing Victor erneut an, und dann fiel ihm doch noch eine gute Ausrede ein. »Ich brauche ein Lexikon!« Und schließlich setzte er noch hinzu: »Für die Schule. Ein Aufsatz.«

Sein Vater schnaubte einmal. »Sag das doch gleich. Und vor allem: Frag vorher!«

Victor versuchte nun ein Lächeln. »’tschuldigung, Papa.«

»Ist wieder gut«, sagte sein Vater und versuchte auch ein Lächeln. »Nimm dir, was du brauchst, und dann raus hier!« Er trat zurück zur Tür, blieb dann aber leider doch dort stehen, sodass Victor nichts anderes übrig blieb, als sich tatsächlich ein Lexikon zu nehmen. Er wählte die Bände für die Buchstaben M und N der umfangreichen Allgemeinenzyklopädie.

»War’s das?« fragte Hannes Schindler, als sein Sohn an ihm vorbeiging.

Der nickte mit eingezogenem Kopf.

»Wenn du noch einen anderen Band brauchst, sagst du Bescheid«, sagte sein Vater sehr bestimmt, ging zurück in sein Arbeitszimmer und schloss die Tür hinter sich.


In seinem Zimmer setzte sich Victor mit den Lexika auf sein Bett. M und N hatte er nicht umsonst gewählt. Plötzlich waren ihm die beiden Begriffe, die sie gestern Abend nur halb verstanden hatte, wieder eingefallen: Nanotechno war der eine gewesen, Metamat der andere.

Weil er glaubte, damit mehr anfangen zu können, wählte er als erstes den Band N. Wie er sich gedacht hatte, gab es kein Nanotechno, hingegen aber die Begriffe Nano und Nanotechnologie.

Die Definition von Nano war zwar sehr kurz, aber schon schwer zu verstehen, weil für Victor kaum vorstellbar:

Nano kommt von altgr. nannos („der Zwerg“) und bezeichnet bei Maßeinheiten den Milliardsten Teil der Einheit. Also sind eine Milliarde Nanometer ein Meter.

Immerhin wusste er nun, dass das Wörtchen Nano etwas sehr, sehr Kleines bezeichnete, das so klein war, dass es mit dem bloßen Auge nicht mehr zu erkennen war. Der Milliardste Teil eines Meters? Wer sollte mit so etwas arbeiten – sein Vater, der eine Brille brauchte, um die Zeitung lesen zu können?

Der Artikel, den er unter dem Stichwort Nanotechnologie fand, überforderte ihn gleich noch mehr. Dort wurden Worte und Begrifflichkeiten benutzt, die er noch nie in seinem Leben zuvor gehört hatte, und wenn doch, dann war es in einer Science-Fiction-Geschichte gewesen! Halbleiter- und Clusterphysik und quantenphysikalische Effekte – wer sollte das verstehen? Schließlich las er, dass Deutschland auf dem Gebiet der Nanotechnologie weltweit an der Spitze der Forschung intensiv beteiligt sei. Spätestens da wurde er plötzlich doch sehr stolz auf seinen Vater.

Als letztes schlug er den Band M auf und suchte nach Metamat. Das gab es nicht, einzig fand er die Definition von Metamathematik, was eine Theorie war, mit der Mathematik selbst untersucht wird. Das klang in Victors Ohren außerordentlich langweilig und reduzierte den Stolz auf seinen Vater doch wieder. Es passte auch irgendwie besser in das Bild des Mannes, der seine Lesebrille ständig irgendwo liegen ließ. Die Familie musste sie dann suchen und war dissoziativ genervt. Enttäuscht legte er das Lexikon beiseite und ging ins Bad, um sich für das Frühstück fertig zu machen.


Autorin: Britta Kretschmer, www.mehr-welten.de

 

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