Schleusen öffnen: Kapitel 18

Zurück in seinem Zimmer versteckte er die Kopien unter seiner Matratze und setzte sich auf sein Bett, den Umschlag seiner Mutter zärtlich in Händen haltend. Dann öffnete er den Umschlag vorsichtig. Mit der Verpackung von Geburtstagsgeschenken pflegte er wie jedes andere Kind auf dieser Welt bei weitem unsanfter umzugehen, aber dieser Umschlag war etwas Besonderes. Auf keinen Fall wollte er ihn mehr zerstören, als unbedingt notwendig war.

Heraus fielen schließlich drei Dinge: ein Amulett, ein Foto sowie ein Babyarmband. Kein Brief.

Er schaute noch einmal im Umschlag nach, ob der vielleicht darin steckengeblieben war. Aber nein, kein Brief. Ein Hauch von Enttäuschung kam in ihm auf. Ein Brief wäre nicht schlecht gewesen. Sie hätte ihm schreiben können, dass sie eine Weltenwanderin gewesen war und es tragisch finde, ihn in diese Fähigkeit nicht einweisen zu können. Das hätte er dann Frau Theisson zeigen können, vielleicht.

Als erstes nahm er das Foto zur Hand. Es zeigte eine Frau mit einem Baby auf dem Arm. Er drehte das Foto um, vielleicht stand ja etwas auf der Rückseite. Die Leute machten das manchmal, schrieben Notizen auf die Rückseite ihrer Fotos. Aber auch hier Fehlanzeige, keine Notiz. Einzig ein Datum war gerade noch so zu erkennen, der September 1994. In dem Jahr war er geboren worden, im August.

Er drehte das Foto wieder um und schaute es sich genauer an. Ob er dieses Baby war? Schwer zu sagen. Eigentlich sah es in Victors Augen wie jedes andere Baby aus. Und obwohl er Aufnahmen von sich als Baby bereits gesehen hatte, konnte er keine wirkliche Ähnlichkeit erkennen.

Und sie? War sie seine Mutter? Die Frau sah noch sehr jung aus, vielleicht Mitte zwanzig, schätzte Victor. Dann sah er ein, dass er das nicht wirklich beurteilen konnte. Sie hätte auch neunzehn oder dreißig sein können. Aber eins konnte er beurteilen: dass sie sehr nett aussah. Tatsächlich fand er sie auch sehr hübsch, aber das war es nicht, was ihm an diesem Bild am besten gefiel. Er hatte sich früher in seinem Leben einige Male gefragt, wie sie wohl gewesen war, wie sie ausgesehen haben mochte, seine leibliche Mutter, aber er hatte es sich nie wirklich vorstellen können. Nun sah er ihr Gesicht und erkannte, dass sie die Mutter in seinen Träumen war.

Als er merkte, dass er feuchte Augen bekam, legte er das Bild neben sich und nahm das Babyarmband zur Hand. Winzig war es und hellblau, und darauf stand »Victor Degamo« und daneben sein Geburtsdatum. Victor Degamo, dachte er aufgeregt. Das ist mein Name: Victor Degamo. Und noch ein paarmal sprach diesen Namen leise aus: Victor Degamo.

Dann legte er auch das Armband wieder beiseite und besah sich das Amulett genauer. Es hing an einer feingliedrigen Silberkette, war selbst wohl auch aus Silber. Eine liegende Acht in einem Kreis. Was hatte das zu bedeuten? Victor beschaute es sich von allen Seiten, fand aber keinen Hinweis. Vielleicht eine Miniatur-Gravur? Nein, nichts dergleichen. Einfach nur die liegende Acht in einem Kreis. Was auch immer es bedeutet, dachte er schließlich, meine Mama hat es mir hinterlassen. Ich sollte es tragen. Und so legte er die Kette an und versteckte das Amulett unter seinem Sweatshirt.

Das Foto und das Armband legte er zu den Kopien unter seine Matratze und setzte sich dann an seinen Schreibtisch, um seine Hausaufgaben zu machen. Aber so richtig konzentrieren konnte er sich nicht. Immer wieder gingen seine Gedanken zu seiner Beute, die unter seiner Matratze lag, und seine Hand tastete nach dem Amulett unter seinem Sweatshirt.

Zu gerne hätte er mit Charlie darüber gesprochen. Doch die würde er heute nicht sehen können. Sie hatte es ihm gesagt, ein Ausflug ihrer Jungmädel-Gruppe stünde auf dem Plan. Was Jungmädel bedeute, hatte er sie gefragt. Dass sie einen Nachmittag so tun müsse, als gäbe es nichts Tolleres auf der Welt, als ein gesundes deutsches Mädel zu sein, viel Sport zu treiben und Handarbeiten, Kochen und Haushalten zu lernen, um später selbst viele gesunde deutsche Mädels und Knaben aufziehen zu können. Heute aber würden sie zudem auch noch bei einem Ausflug in ein Heim mit Kriegsversehrten zeigen, welch schöne Heimatlieder sie gelernt hatten. Dem Jungmädelbund konnte kein Mädchen entkommen, auch keines, das Schleusen in fremde Welten öffnen konnte.

Deshalb war mit Charlie heute leider nicht zu rechnen, so sehr Victor sich das angesichts seiner Beute auch gewünscht hätte.


Gar nicht gewünscht und überhaupt nicht gerechnet hatte er hingegen mit seinem Vater, der am späten Nachmittag plötzlich in seiner Tür stand.

»Du warst schon wieder in meinem Arbeitszimmer!« donnerte der. »Ich hab dir doch schon tausendmal gesagt, dass du da nichts zu suchen hast!«

»Aber, aber, aber…« Victor war völlig erschlagen. Fast hätte er gesagt: Wie kannst du davon wissen?

»Müssen wir in diesem Haus tatsächlich mit verschlossenen Türen leben? Du hast da drin nichts verloren!« schimpfte sein Vater laut weiter. »Was hast du da gewollt? Los, sag es mir!«

Victor war noch immer sprachlos. Was sollte er sagen? Eine weiterer Aufsatz? »Aber, aber ich hab doch nur…«

In dem Moment erschien Maria im Hintergrund. »Was ist denn los?« fragte sie vorsichtig.

Hannes Schindler drehte sich abrupt um. »Victor war schon wieder in meinem Arbeitszimmer. Der Kopierer war an, und Sie werden das ja wohl kaum gewesen sein, oder?«

Maria warf auf Victor einen Blick und sah nur Verängstigung. Sie konnte eins und eins zusammenzählen: Offensichtlich war er ihrem Rat gefolgt und hatte sich den Umschlag seiner Mutter aus dem Safe geholt.

»Doch«, sagte sie schließlich zu aller Überraschung. »Hab ich den Kopierer angelassen? Was habe ich denn noch hinterlassen?«

»Sie waren am Kopierer?« fragte Hannes Schindler ungläubig. Er hatte die Blicke zwischen ihr und seinem Sohn gesehen. »Was wollten Sie denn da?«

»Eine Unterlage fürs Amt«, log Maria und wurde rot.

»Ah ja«, sagte Hannes. »Und da setzen Sie sich einfach über unsere Absprachen hinweg. Beleidigen Sie doch bitte nicht meine Intelligenz!« schimpfte er schließlich wieder. »Sie wollen Victor decken!«

Maria fasste sich ans Herz. »Aber nein, wirklich…«, setzte sie an, aber Hannes hatte sich bereits wieder zu seinem Sohn umgedreht. »Victor, wir beide bekommen richtig Ärger miteinander. Bleib meinem Arbeitszimmer fern, hast du mich verstanden? Und heute Abend geht’s ohne Essen ins Bett!« Zu Maria sagte er noch: »Und wir beide sprechen uns später!« Damit stapfte er wütend davon.

Victor schaute ihm mit eingezogenem Kopf hinterher.

Maria tat es ihm gleich und trat dann näher. »Tut mir leid, mein Kleiner. Warst du denn wenigstens erfolgreich?«

Victor nickte traurig.

»Zeigst du’s mir?«

Er stand auf und holte das Bild und das Armband unter seinem Bett hervor.

Vorsichtig nahm Maria beides in die Hände und schaute sich vor allem das Foto etwas länger an. »Sie sieht sehr nett aus«, sagte sie.

»Find ich auch«, sagte Victor.

Dann gab sie ihm das Foto und das Armband zurück und streichelte ihm einmal über den Kopf. »Ich bring dir nachher ein Brot, Victor Degamo, okay?«

Victor lächelte und steckte Foto und Armband in seine Hosentasche.


Autorin: Britta Kretschmer, www.mehr-welten.de

 

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