Schleusen öffnen: Kapitel 13

»In unserer Welt hat Hitler den Krieg nicht verloren«, sagte Ralph und schaute Victor dann fragend an. »Weißt du, wer Hitler war?«

»Er ist schuld, dass es den Zweiten Weltkrieg gab«, antwortete Victor und ergänzte nach kurzem Überlegen. »Er hat Juden gehasst und sie alle umgebracht.«

»So ungefähr.«

Sie saßen zu dritt auf der Matratze im Wohnzimmer. Ralph trank Kaffee, Victor und Charlie hatten jeder eine Coladose.

»Du hast recht«, begann Ralph seine Erklärung, »Hitler hat den Zweiten Weltkrieg verursacht. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Europa von den Siegermächten neu aufgeteilt, vom Deutschen Reich, dem Kaiserreich, war nicht mehr viel übrig und Hitler verkündete, das wieder rückgängig machen zu wollen. Das traf auf große Zustimmung in der Bevölkerung, und auch das Militär war begeistert, und deshalb wählten sie seine Partei. Es war übrigens gar nicht so weit von hier entfernt in Lindenthal«, Ralph deutete in die entsprechende Richtung, als wolle er damit sagen, dass das Ganze wirklich direkt um die Ecke stattgefunden hatte, »da hat der damalige Reichskanzler Hitler zu seinem Nachfolger bestimmt.«

Er machte eine kleine Pause, als müsse er erst seinen alten Gedanken wiederfinden. »Jedenfalls, als Hitler damit anfing, ehemalige deutsche Gebiete zurückzuerobern, hat das Volk ihm zugejubelt. Und selbst die Regierungschefs der anderen Staaten haben tatenlos zugesehen. Dann aber hat er so ziemlich jedem anderen europäischen Staat den Krieg erklärt. Also eigentlich hat er denen gar nicht erst den Krieg erklärt, sondern hat einfach seine Streitkräfte in die völlig unvorbereiteten Länder geschickt. Besonders auf Gebiete, die damals Polen und Russland waren, hatte er es abgesehen und dort einen der brutalsten Kriege geführt, die es je gab. Da haben sich die Amerikaner, die Briten und die Franzosen zusammengetan und sich in den Krieg eingemischt, in dem der vierte Koalitionspartner Russland ja sowieso schon mittendrin steckte. Soweit die Geschichte, wie sie auch bei uns passiert ist.

Bei euch«, erklärte Ralph weiter, »haben diese vier Staaten es dann geschafft, Europa von Hitler zu befreien. Von allen Seiten sind sie gekommen, bis Deutschland kapitulieren musste. Hitler hat sich dann selbst das Leben genommen, und danach, na ja. Die Amerikaner, Briten und Franzosen waren anderer Ansicht als die Russen, wie es mit Deutschland weitergehen sollte. Also wurde Deutschland geteilt, sodass es zwei Deutschlands gab, die erst vor gar nicht so langer Zeit wieder zusammengeführt wurden.«

»Und bei euch war das nicht so?« fragte Victor, der zum ersten Mal wirkliches Interesse für Kriegsgeschichten aufbrachte.

»Nein, bei uns war es nicht so. Der Krieg hat einen anderen Verlauf genommen. Deshalb nennt sich das Land auch nicht wie bei euch Bundesrepublik Deutschland, sondern noch immer Großdeutsches Reich. Das hatte was damit zu tun… Hast du schon mal was von Atomwaffen gehört?«

»Ja«, sagte Victor. »Das sind ganz schreckliche Bomben, die vernichten alles Leben.« Ängstlich schaute er Charlie an, die ihrem Stiefvater aufmerksam zuhörte.

»Bei euch wurden diese Bomben zweimal eingesetzt, 1945 von den Amerikanern in Japan. Das Ergebnis war so katastrophal, dass später nie wieder für Kriegszwecke eine solche Waffe benutzt wurde. Es wurden viele gebaut und noch schreckliche entwickelt, aber die Angst davor, der Gegner könnte auch welche haben und benutzen, hat letztlich wohl alle Seiten davon abgehalten, mit diesem Wahnsinn wieder anzufangen. Deshalb hattet ihr etwas, was man Kalten Krieg nannte. Ost und West hätten sich gerne bekriegt, taten es aber nicht, weil sie sich gegenseitig hätten vernichten können.«

»Aber bei euch war das nicht so?« fragte Victor wieder, der sich nicht vorstellen konnte, was das bedeutete.

»Nein, bei uns war es nicht so. Aber eine Art Kalten Krieg haben wir auch, und wir haben ihn noch, denn bei uns hat auch Deutschland solche Waffen. Deshalb ist nie einer gekommen, Deutschland von Hitler zu befreien. Und es hat auch keiner Europa von Hitler befreit. Europa, wie du es kennst, gibt es bei uns nicht. Die Welt, wie du sie kennst, gibt es nicht.«

Nun mischte sich Charlie ein. »Ich war noch nie in einem Land, das sich nicht Großdeutsches Reich nennt, auch wenn es gar nicht Deutsches Reich sein dürfte. Das weiß jeder, besonders die Leute, die da wohnen. Aber das Reich verlassen können wir nicht, und kaum einer kommt zu uns. Es gibt Welthandel, ja, aber nicht so, wie du es kennst. Deshalb gibt es bei uns auch keine amerikanischen Filme oder englische Musik.«

»Überhaupt gibt es bei uns nicht viel, weil nur die mit Deutschland Handel treiben, die die nationalsozialistische Gesinnung teilen. Bei euch ist Europa noch immer einer der reichsten Flecken der Erde. Bei uns ist Europa fast so arm wie Afrika«, erklärte Ralph weiter.

»Deshalb kennst du keine DVD-Player und keine Computer.« Victor schaute Charlie an.

»Computer gibt es bei uns schon, und vielleicht gibt es sogar auch DVDs, aber so was kann bei uns nicht jeder kaufen, nur weil er genug Geld dafür hat«, sagte Charlie.

»Versteh mich nicht falsch«, sagte Ralph, »wir leben, was das betrifft, nicht in der Steinzeit. Wir müssen nicht trommeln, wenn wir jemanden anrufen wollen. Aber das ist auch nicht so wichtig. Viel wichtiger ist: Bei uns sind die Menschen nicht frei. Die meisten Menschen dort haben nie etwas anderes erlebt als das Nazi-Regime, sie wissen nicht, was Demokratie und Freiheit bedeuten. Aber das heißt nicht, dass eine Menge Leute nicht längst kapiert hätten, was alles falsch läuft. Sie trauen sich nur nicht, dagegen wirklich etwas zu tun.«

»Aber ihr könnt doch die ganze Welt verlassen!« rief Victor nun und schaute die beiden ein wenig ratlos an. Wie konnte es sein, dass sie noch nicht von selbst auf diese Idee gekommen waren? »Warum lebt ihr da noch? Das müsst ihr doch gar nicht, ihr könntet doch auch hier leben!«

»Es ist mein Zuhause«, sagte Charlie, als wäre dies die einzige Wahrheit der Welt.

»Du hast recht, Victor«, sagte Ralph, »es wäre der einfachste Weg. Aber was ist mit all den Menschen, die dort bleiben müssen? Bei uns gibt es nicht viel weniger Leute als bei euch hier. Wo sollten wir die hinbringen? Und wie sollten wir das schaffen?«

»Aber ihr könntet schon«, beharrte Victor auf seiner Idee.

»Wenn du damit meinst, dass wir jemanden mitnehmen können, dann ja, da hast du recht. In den allermeisten Fällen geht das schon. Aber wir tun es möglichst nicht.«

»Und warum nicht?«

Ralph dachte kurz darüber nach, wie er es erklären sollte. »Mit dem, was wir können, geht eine gewisse Macht einher, die andere nicht besitzen. Und weil sie die nicht besitzen und deshalb nicht einzuschätzen wissen, macht sie ihnen Angst. Ich kenne Welten, da würde man uns im wahrsten Sinn des Wortes verteufeln, und es gibt andere, in denen würde man alles machen, könnte man herausfinden, warum wir diese Fähigkeit besitzen. Da wir das aber selbst nicht wissen, könnten wir schnell zu menschlichen Versuchskaninchen werden. Ganz ehrlich: Ich muss nicht wissen, warum ich es kann. Und ich will definitiv nicht dafür herhalten, damit andere es wissen. Zu aller erst einmal lebt es sich als Weltenwanderer also gesünder, nicht jedem von dieser Fähigkeit zu erzählen.«

So weit konnte Victor das nachvollziehen. Er nickte.

»Dann haben alle zivilisierten Welten, die ich kenne, eines gemeinsam: Ihre Regierungen wissen immer gerne, wer ihre Einwohner sind. Deshalb gibt es so etwas wie Geburtsurkunden, Personalausweise, Reisepässe und Aufenthaltsgenehmigungen. Einzelne Länder grenzen sich schon gerne voneinander ab. Glaubst du, die Regierung deines Landes würde es zulassen, wenn hier plötzlich Millionen von Menschen aus einer anderen Welt auftauchen würden?«

Victor schüttelte den Kopf. »Bestimmt nicht.«

»Manchmal macht man dann aber doch Ausnahmen, und siehe da: Es fruchtet nicht. Nehmen wir zum Beispiel Charlies Mutter. Lisa ist keine Weltenwanderin. Wir haben sie schon mal hierher mitgenommen, und sie fand das auch ganz spannend. Wie eine Urlaubsreise. Aber ihr Zuhause ist dort. Ihre Familie ist dort, ihre Freunde sind dort, und ihre Hoffnung auf ein besseres Leben ist dort.«

Im gewissen Umfang konnte Victor auch das nachvollziehen.

»Und schließlich: Es klappt nicht immer mit dem Mitnehmen. Warum das so ist, kann ich dir genauso wenig sagen wie, warum wir es überhaupt können. In eurer Welt würde man wahrscheinlich nach dem passenden Gen suchen. In meiner Welt interessiert man sich nicht für Gene, wir denken mehr darüber nach, ob manche Menschen ihren Wurzeln mehr verhaftet sind als andere. Wie auch immer. Es passiert nicht oft, aber manche Menschen können wir einfach nicht mitnehmen. Im wahrsten Sinne des Wortes bleiben sie in ihrer Welt hängen.«

Wie auch immer: Dies war offensichtlich nicht die einfache Lösung, die Victor so gut gefallen hätte. »Aber irgendwas müsst ihr doch tun können! Kann man diese Nazis nicht irgendwie abwählen?«

Ralph lächelte milde. »Gewählt wird bei uns nicht, mein Freund.« Ernst setzte er hinzu: »Die Frage ist eher, wie man sie sonst loswerden kann. Und das haben sich natürlich schon viele gefragt. Und manche haben auch was versucht. Schon damals während des Zweiten Weltkrieges zum Beispiel. Und ungefähr zu der Zeit, als bei euch die Studenten revoltiert haben, das war Ende der Sechziger Jahre, da gab es auch bei uns Aufstände. Und immer wieder zwischendurch gibt es Revolten und kriegsähnliche Zustände, besonders in den besetzten Ländern. Aber die Übermacht der Regierung ist einfach zu groß. Und seitdem Adolf Hitler nicht mehr lebt und wir einen neuen Führer haben, ist es fast noch schlimmer geworden.«

»Adolf Hitler ist tot? Ist das nicht gut?«

»Na ja« Ralph zuckte mit den Schultern, »der konnte ja nicht ewig leben, auch wenn er das in seinem Größenwahn vielleicht geglaubt hat. Aber er hat einen Sohn, Joseph Hitler, und der ist definitiv nicht weniger wahnsinnig. Und dann gibt es ja auch immer genug Leute, die davon profitieren, eine miese Sache mitzumachen. So wie der alte Hitler hat auch er einen Regierungsstab, und es gibt genügend Knechte, die dankbar sind, die Drecksarbeit machen zu können. Und wenn ein Nachbar den anderen denunzieren kann, dann tut er das auch. Und alle tun es, weil es ihnen Macht gibt.«

Weil Victor anzusehen war, dass er das nicht so recht verstand, gab Ralph ein Beispiel: »Ich habe gelesen, dass bei euch in Ostdeutschland, als das noch die DDR war, eine ganze Menge Leute für die sogenannte Staatssicherheit andere Leute ausspioniert haben. Zum Teil mögen sie das gemacht haben, weil sie glaubten, keine Wahl zu haben. In jedem Fall aber hat es ihnen Vorteile gebracht, und dazu gehörte, dass sie Macht über die anderen hatten. So ähnlich ist es bei uns auch. Menschen sind bestechlich, das ist immer und überall so. Es erfordert viel Mut, nicht bestechlich zu sein.«

»Aber dann wurde die Mauer eingerissen«, sagte Victor. »Da habe ich noch nicht gelebt«, setzte er hinzu.

»Ja«, sagte Ralph, »irgendwann hat das Volk gesiegt. Und das gibt uns Hoffnung. Das ist, woran ich glaube: Dass irgendwann das Volk immer siegt. Es ist nur eine Frage, wie lange das dauert.«


Autorin: Britta Kretschmer, www.mehr-welten.de

 

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