Schleusen öffnen: Kapitel 2

Wie so häufig führte der Weg von der Therapiestunde Victor an der Buchhandlung Stefan König vorbei, obwohl diese Buchhandlung überhaupt nicht auf dem Weg von der Praxis nach Hause lag. Lesen war neben dem Spielen mit seinem Gameboy und der Playstation Victors liebste Freizeitbeschäftigung, besonders wenn es sich um Werke der Fantasy-Literatur handelte. Und auf eben die war die Buchhandlung spezialisiert.

Als Victor den kleinen Laden betrat, sah er ein Mädchen am Verkaufstresen stehen. Sie hielt den ersten Band von Harry Potter in der Hand und fragte den Ladenbesitzer, ob dies ein gutes Buch sei. Stefan König schaute sie ungläubig an und fing dann an zu lachen: »Wo bist du denn in den letzten zehn Jahren gewesen? Natürlich ist das ein gutes Buch!«

Noch immer lachend wandte er sich kopfschüttelnd an Victor: »Ah, Victor, kannst du dieser jungen Dame bitte erklären, wer Harry Potter ist? Dein Buch ist übrigens heute morgen gekommen – warte, ich hol es dir von hinten.«

Damit war er im Hinterzimmer verschwunden und überließ Victor den fragenden Blicken des Mädchens. Sie hatte lange dunkelblonde Haare, sah eigentlich ganz nett aus, war aber einen halben Kopf größer und mindestens ein Jahr älter als er.

»Und, wer ist nun dieser Harry Potter?« fragte sie.

»Ein Junge, der keine Eltern mehr hat und deshalb bei seinen schrecklichen Verwandten leben muss. Dann wird er Schüler in einer Zauberschule, und da stellt er fest, dass er was Besonderes ist, die Leute sind nett zu ihm, und er erlebt ganz viele Abenteuer«, gab Victor gelangweilt eine doch recht knappe Zusammenfassung dieser weltberühmten Geschichte wieder.

»Hmhm«, machte sie und deutete auf die verschiedenen Bände der Reihe. »Und die hast du alle gelesen?«

»Klar.«

»Scheinst ja viel zu lesen. Kommst du oft hier her?« fragte sie weiter und stellte das Buch zurück an seinen Platz.

»Kann sein.«

In dem Moment kam der Ladenbesitzer mit dem bestellten Buch zurück. »Und, ist cool, oder?« fragte er.

»Kuhl?« Das Mädchen schien nicht zu verstehen, was das bedeuten sollte, und zog ein sehr verdutztes Gesicht.

»Gefällt dir die Geschichte? Möchtest du das Buch?« konkretisierte er seine Frage in gewählterem Deutsch, während er Victors Buch einpackte.

»Ach so, nein«, sagte sie und setzte dann, als sie die Verwunderung im Gesicht des Buchhändlers sah, entschuldigend hinzu, »das heißt, doch ja, aber ich habe nicht so viel Geld.«

»Hm, das kann nicht sein!« rief nun Stefan König entsetzt aus. »Warte!« Er griff unter seinen Tresen und holte ein halb zerfleddertes Exemplar des ersten Harry Potter Bandes hervor. »Hier, nimm das. Ist ein Mängelexemplar, aber auch wenn ich schon oft drin geblättert habe, sind noch alle Worte drin.«

Auch das schien das Mädchen nicht so ganz zu verstehen: »Ich hab doch gesagt, ich hab nicht so viel Geld.«

»Kein Geld, Schätzchen, das ist ein Geschenk. Ich kann doch nicht zulassen, dass du weiterhin unwissend durch dein junges Leben läufst. Nimm!« sagte er und reichte ihr das Buch über den Tresen. »Und von dir bekomme ich vierzehn Euro fünfzig«, sagte er zu Victor. »Tut mir leid, mein Freund, aber von irgendwas muss ich ja die Ladenmiete bezahlen.«

Reichlich perplex starrte das Mädchen abwechselnd auf das Buch in ihrer Hand und den Mann, der es ihr geschenkt hatte, während dieser sein Geschäft mit Victor abschloss.

»Viel Spaß damit!« sagte Stefan König schließlich zu den beiden.

»Danke!« sagte Victor, und »Danke!« sagte auch das Mädchen. »Vielen Dank!«

»Dafür bin ich da. Für Band zwei kannst du dann ja dein Taschengeld sparen.«

»Ja, mach ich«, sagte das Mädchen, aber Victor wurde das Gefühl nicht los, dass sie nicht so recht wusste, was Taschengeld ist.


Nacheinander verließen sie die Buchhandlung und gingen nacheinander bis zur nächsten Straßenkreuzung, um nacheinander in dieselbe Seitenstraße abzubiegen. An der nächsten Ampel blieb Victor stehen und drehte sich um: »Kann es sein, dass du mich absichtlich verfolgst?«

»Kann es sein, dass du absichtlich vor mir herläufst?« gab das Mädchen keck zurück.

Verächtlich schnaubend ging Victor weiter, weiterhin von dem seltsamen Mädchen verfolgt. Als er in seiner Straße angekommen war, drehte er sich wieder um. »Was soll das? Warum läufst du hinter mir her?«

»Ich laufe nicht hinter dir her. Ich wohne hier!« sagte sie und zeigte auf ein Haus am anderen Ende der Straße.

»Erzähl keinen Blödsinn, da wohnt keiner«, sagte Victor ärgerlich.

Tatsächlich war bekannt, dass das ungepflegteste Haus in der Straße schon seit langer Zeit leer stand. Seine Eltern hatten ihm einmal erzählt, dass der Grund hierfür wohl im Streit einer Erbengemeinschaft zu finden war: Man konnte sich nicht darauf einigen, ob es nun verkauft oder gar abgerissen werden sollte.

»Seit letzter Woche schon«, gab sie lachend zurück und trabte auf das Haus zu. Victor schaute ihr noch einen Moment hinterher und sah, wie sie zu der Garage des Hauses lief, neben der ein Mann stand, der bereits auf sie wartete.

Schließlich drehte er sich ab und ging zu seinem eigenen Haus, ein Stück die Straße hinauf. Er bewohnte mit seinen Eltern ein sehr schickes Einfamilienhaus, das mehr Zimmer hatte, als sie tatsächlich brauchten. Einen Garten gab es auch. Einzig fehlte der Platz für eine zweite Garage, die seine Mutter gerne gehabt hätte.

Maria, die Haushälterin seiner Eltern, wartete schon auf ihn. »Da bist du ja endlich! Du weißt doch, dass wir heute Abend wieder Gäste haben!« Herzhaft wuschelte sie ihm einmal durch die dunklen Haare und seufzte dabei. »Eigentlich hätten wir dich heute noch zum Frisör schicken sollen.«

»Nicht!« Victor entzog sich der Haushälterin und ließ seine Schultasche auf den Boden fallen. »Schon wieder Gäste?« maulte er. »Wer kommt denn?«

»Diesmal sind es Geschäftspartner von deinem Vater, mehr weiß ich nicht. Aber deine Mutter hat gesagt, heute käme es drauf an, da könnte eine Stange Geld drin stecken.« Und dann setzte sie mit einem eindeutigen Blick auf die mitten im Weg liegende Schultasche hinzu: »Die hat hier nichts verloren. Bring sie in dein Zimmer und sieh zu, dass du deine Hausaufgaben machst.«

Genervt aber doch artig tat Victor, wie ihm geheißen. Manchmal verhielt sich Maria mütterlicher als seine Mutter, und wenn das so war, dann war es eine kluge Entscheidung, ihren Anordnungen nicht zu widersprechen. Neudeutsch nannte Victor sie seine Nanny, das Kindermädchen, auch wenn ihre offizielle Bezeichnung Haushälterin war, was Maria bevorzugte. Denn erstens war das der Beruf, den sie vor über vierzig Jahren gelernt hatte, und zweitens fand sie, dass die Bezeichnung Kindermädchen nicht so ganz zu einer fast sechzigjährigen Frau passte.

Lustlos warf er seine Schulsachen in seinem Zimmer auf den Tisch und legte das frisch erstandene Buch neben sein Kopfkissen auf sein Bett. Am liebsten hätte er sofort einen Blick hinein geworfen, aber Mathe, Bio, Englisch und Deutsch – auch wenn Victor ein wirklich guter Schüler war, würde er bis zum Abend brauchen, bis er mit den Hausaufgaben durch war.


Eine Stunde später schaute seine Mutter bei ihm herein. »Hallo mein Großer«, sagte sie, drückte ihm einen Kuss auf die Stirn und stellte einen Teller mit Broten und ein Glas Saft auf den Schreibtisch. »Wie war dein Tag?«

»Okay«, sagte er und wischte sich über die durch den Kuss leicht angefeuchtete Stirn.

»Okay«, äffte sie ihn nach. »Geht’s etwas genauer?«

Sie war bereits in Abendgarderobe und ging zu seinem Schrank, um die Sachen für ihn herauszulegen, die er heute Abend anziehen sollte.

»Herr Krassnitz hat gesagt, ihr sollt mal wieder einen Termin machen.«

»Ach ja, das wollen sie alle. Wenn es danach ginge, könnte der Tag achtundvierzig Stunden haben«, sagte sie leichthin und korrigierte sich dann selbst, als sie Victors vorwurfsvollen Blick sah. »Ja, du hast recht. Ich werde mit deinem Vater sprechen und dann gehen wir zusammen zu deinem Klassenlehrer. Hat er gesagt, worum es geht?«

»Weiß nicht«, sagte Victor und zog den Kopf ein.

»Also dasselbe wie immer.« Barbara seufzte einmal und zog sich einen der beiden Hocker heran, die in der Ecke standen. »Er wird uns wieder einmal erzählen, was für ein guter Schüler du doch bist, dass du dich nur leider nicht in das Klassengefüge integrieren kannst, hab ich recht?«

Victor starrte vor sich hin.

»Ist denn nicht ein einziger Junge dabei, mit dem du dich anfreunden könntest?« fügte sie versöhnlicher hinzu.

Wieder blieb Victor stumm.

»Was ist denn mit dem Sohn von den Kochs? Mit dem hattest du doch mal gespielt, oder?«

»Der quält seinen Hund«, brach es aus Victor hervor.

Barbara musste fast lachen. »Der quält seinen Hund?« wiederholte sie ungläubig. Victor hatte schon einige Vorbehalte gegen andere Kinder hervorgebracht, manche davon waren schon recht eigentümlich gewesen, aber einen derartigen Vorwurf hatte er noch nie geäußert.

»Ist wahr! Wenn der nicht sofort Platz macht, dann wirft er mit Sachen nach ihm.«

»Naja, da sollte wohl mal einer mit seinen Eltern reden.« Barbara schüttelte den Kopf. Der Junge hatte eigentlich einen ausnehmend guten Eindruck auf sie gemacht. »Mit so einem würde ich auch nichts zu tun haben wollen.«

Victor nahm sich eines der Brote und biss hinein.

»Was war denn das für ein Mädchen, mit dem Maria dich vorhin gesehen hat?«

»Ein Mädchen halt.« Mädchen klang bei ihm so, als ginge es um eine ansteckende Krankheit.

»Maria hat gesagt, ihr hättet euch unterhalten.«

Victor quittierte das mit einem Schulterzucken.

»Vielleicht wäre sie ja jemand, mit dem du dich anfreunden könntest?«

Wieder sagte Victor nichts, kaute lustlos auf seinen Brot herum.

»Gut. Ich werde dich dann mal weiter deine Hausaufgaben machen lassen. Und vergiss nicht, um acht kommen die Gäste.«

Nun schaute Victor wieder auf. »Muss ich wirklich?«

Barbara sah ihren Sohn streng an. »Ja, Schatz, du musst. Es geht hier um das Familienunternehmen, da kann es nicht zuviel verlangt sein, wenn du dich für eine Stunde mit uns an den gedeckten Tisch setzt. Und bitte zieh nachher die Sachen an, die ich dir aufs Bett gelegt habe.«

Stöhnend wandte Victor sich seinen Hausaufgaben zu.


Autorin: Britta Kretschmer, www.mehr-welten.de

 

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