Schleusen öffnen: Kapitel 17

Heute schaute Victor nicht in der Buchhandlung Stefan König vorbei. Heute hatte er etwas Wichtigeres zu tun: Heute würde er herausfinden, wer seine leibliche Mutter war.

Sein Vater war wie seine Mutter arbeiten, und Maria musste noch einmal in den Supermarkt, sie hatte einige Zutaten für das Abendessen vergessen. Also ging Victor in das Arbeitszimmer seines Vaters.

Der Zettel befand sich genau dort, wo Maria ihn zuletzt gesehen hatte: zwischen dem letzten und vorletzten Buch auf dem obersten Bord des Regals neben dem Safe. Der Safe wiederum befand sich hinter einem hässlichen Bild. Seine Mutter hätte ihm erklärt, dass es sich hierbei um die Replik eines kubistischen Meisterwerkes handelte, aber Victor mochte es nicht. Schnell hatte er den Safe geöffnet.

Als erstes fielen ihm eine Reihe von Unterlagen in die Hand, mit denen er nichts anfangen konnte. Sie zeigten lange Tabellen und wirre Symbole, zum Teil komplizierte mathematische Formeln und seltsame Graphen. Flüchtig dachte Victor wieder an die Metamathematik und fragte sich, ob das die Methode sei, Mathematik zu beschreiben. Wenn das so war, dann half es ihm überhaupt nicht weiter.

Der Reiz des Verbotenen fing bald an, ihn wieder zu langweilen. Vielleicht war er für die Karriere eines Superspions einfach nicht geeignet. Trotzdem wollte er weiter sorgfältig vorgehen, weniger aus dem Grund, irgendetwas zu übersehen, das er verstehen könnte, als aus der Tatsache, dass er die Unterlagen so hinterlassen musste, wie er sie vorgefunden hatte, also in derselben Reihenfolge und Ordnung.

In dem Moment fiel ihm eine Akte in die Hand, die mit »Projekt: Verschleierung« betitelt war. Was auch immer das zu bedeuten hatte. Neugierig schlug er den Aktendeckel zur Seite. Und wurde wieder von lauter Daten-Kauderwelsch enttäuscht, lauter völlig unverständlicher Kram. Gerade wollte er die Akte wieder zuschlagen, da fiel ein Zettel heraus. Victor nahm ihn auf, froh, es überhaupt bemerkt zu haben. Nicht auszudenken, was gewesen wäre, wenn sein Vater ihn am Boden gefunden und so herausgefunden hätte, dass er in seinem Safe spioniert hatte!

Es handelte sich nur um eine sehr kurze Notiz, neben einer Datumsangabe lautete sie »Anprobe von Prototyp«. Prototyp? Hatte er dieses Wort nicht gehört bei dem belauschten Gespräch zwischen seinem Vater und dem Finsteren Gast? Schnell rechnete er nach: Das genannte Datum entsprach dem des letzten Treffens der beiden.

Einen Moment stand Victor unentschlossen im Raum. Dann fiel sein Blick auf den Kopierer seines Vaters, und schon hatte er ihn angeschaltet und die Blätter dieser Akte zum Kopieren aufgelegt. Wenn auch er nichts mit diesen Daten anfangen konnte, vielleicht wusste ja Ralph, was sie bedeuten könnten.

Während der Kopierer seine Arbeit tat, suchte er weiter im Safe nach dem Umschlag von seiner Mutter. Ganz zuunterst fand er ihn, direkt nach dem Familienstammbuch und einigen familienrelevanten Unterlagen wie Versicherungspolicen und Wertpapieren. Für meinen Sohn Victor zu seinem 18. Geburtstag stand handschriftlich auf dem Umschlag. Er strich einmal sanft mit seinem Zeigefinger über die Schrift und steckte dann den Umschlag schnell in den Hosenbund unter seinem Sweatshirt. Er wollte ihn nicht hier öffnen in aller Eile. Er wollte lieber in seinem Zimmer nachsehen, was seine Mutter ihm hinterlassen hatte. Dass es mehr als ein Brief war, war jetzt schon klar, dazu war der Umschlag viel zu dick.

Nun war auch der Kopierer mit seiner Arbeit fertig. Sorgfältig legte er die Originale zurück in die Akte und sortierte dann sämtliche herausgenommenen Unterlagen so zurück in den Safe, wie er sie vorgefunden hatte. Die Kopien faltete er und steckte sie zu dem Umschlag, sodass er jetzt einen ziemlich dicken Bauch hatte. Besser, wenn er ungesehen in sein Zimmer kam, dachte er, verschloss den Safe und deponierte den Zettel mit dem Zahlencode wieder an der Stelle, wo er ihn vorgefunden hatte.

Schließlich ging er zu dem Aktenvernichter und dachte an Ralphs Worte, von wegen keine Spionage mehr, das sei jetzt Erwachsenensache. Wie wollte Ralph herausfinden, was hier drinnen besprochen wurde, wenn es hier kein Walkie Talkie mehr gab?

Allerdings hatte es bei ihrer Abhöraktion gravierende Übertragungsprobleme gegeben. Dass das Funken durch massive Mauern hindurch kein Problem darstellte, war keine Frage. Also konnte es nur mit der Wahl des Verstecks zu tun gehabt haben. Lag es daran, dass der Aktenvernichter im Prinzip ein geschlossener Metallkasten war? Oder waren die Batterien aufgebraucht?

Er holte das kleine Gerät heraus. Es schien noch immer zu funktionieren, an den Batterien konnte es also nicht gelegen haben. Nachdenklich schaute er sich im Raum um und deponierte es schließlich in einem Pokal, den sein Vater als junger Mann bei einem Tennisturnier gewonnen hatte. Der war zwar auch aus Metall, aber immerhin oben offen. Wichtiger jedoch war, dass sein Vater ihn nur aus sentimentalen Gründen überhaupt noch besaß und sicherlich nicht ständig in die Hand nahm. Und Maria würde ihn schon nicht in den nächsten Tagen intensiverer Reinigung zuführen. Zumindest hoffte Victor das.

Über all das vergaß er, den Kopierer wieder auszuschalten.


Autorin: Britta Kretschmer, www.mehr-welten.de

 

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