Schleusen öffnen: Kapitel 11

Obwohl er eigentlich hundemüde war, konnte Victor auch in dieser Nacht nicht gut einschlafen. Doch diesmal waren keine Selbstentfremdungsgefühle, die ihn davon abhielten. Diesmal konnte er über nichts anderes nachdenken als über das, was er gesehen und erlebt hatte: Seltsame riesige Irisblenden, die sich in massiven Wänden bildeten und als Schleusen in eine fremde Welt führten, die so ähnlich war wie seine und doch völlig anders. Und dann diese Geheimnisse. Zweimal hatte er schwören müssen, niemandem von all dem zu erzählen. Aber wer, bitte schön, hätte ihm schon irgendetwas davon geglaubt?

Am nächsten Morgen, einem Sonntag, ließ seine Mutter ihn länger schlafen. Natürlich hatte auch heute Maria frei, was aber nicht für Hannes Schindler galt. Der hatte mit seiner Frau zusammen gefrühstückt und war dann gleich wieder in seine Firma verschwunden. Obwohl der Sonntag im Hause Schindler per Tradition ein Familientag war, aber manchmal ging das Geschäft eben doch vor. Als seine Mutter ihm später davon erzählte, dachte Victor, kein Wunder, der muss für den Finsteren Gast etwas fertig bringen, das winzig klein ist und mit Mathematik zu tun hat. Aber darüber durfte er ja nicht sprechen, er hatte es geschworen.

Eigentlich wäre die Abwesenheit seines Vaters eine gute Gelegenheit gewesen, nun endlich das Walkie Talkie aus dem Arbeitszimmer zu holen. Doch wenn schon Hannes nicht da war, bemühte sich zumindest Barbara sehr um ihren Sohn, sodass der keine Gelegenheit fand, sich vor der Abfahrt zu seiner Großmutter noch einmal in das Arbeitszimmer zu stehlen.

Der Besuch bei der Großmutter war schon lange nicht mehr das, was er früher mal gewesen war. Früher, als Victor noch klein war, hatte er die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Großeltern genossen. Die Oma hatte immer die tollsten Kuchen gebacken, und vom Opa hatte er viel gelernt, zum Beispiel das Schachspielen. Aber dann war der Opa gestorben, und seither ging es auch der Oma immer schlechter. Sie lebte jetzt nicht mehr in dem netten Haus am Stadtrand, sondern war in ein Altersheim umgezogen. Was eine gute Idee war, pflegte Barbara immer zu sagen, denn dort gab es professionelle Hilfe, wenn die Oma einmal wieder vergessen hatte, wie die Welt funktionierte, in der sie lebte.

Die Oma war mittlerweile nämlich im Kopf nicht mehr so fit wie früher. So jedenfalls nannte es Barbara. Konkret bedeutete es, dass sich die Oma kaum noch an Dinge erinnern konnte, die sie gerade gesagt oder getan hatte, sich andererseits aber sehr wohl erinnerte an Ereignisse aus ihrer Kindheit. Und da sie im Köln der Dreißiger Jahre geboren war, bezogen sich diese Erinnerungen ausschließlich auf die späten Kriegsjahre und die Zeit danach, als Köln in Schutt und Asche lag und wiederaufgebaut werden musste. Vergaß sie vielleicht manchmal, sich anzuziehen, bevor sie das Haus verlassen wollte, oder verwechselte Victor mit ihrem eigenen Sohn – von den Nächten im Luftschutzbunker, wenn die Stadt einmal mehr bombardiert worden war, oder dem Hunger, den sie in den ersten Nachkriegsjahren erlitten hatten, wusste sie zu erzählen, als sei alles gestern passiert.

Für Victor waren dies immer Geschichten gewesen wie andere Geschichten auch. Die innewohnende Tragik berührte ihn schon, aber sie betraf nicht sein Leben. Krieg, Hunger? Das war nichts, wovon er in seinem Leben jemals betroffen war und, so sei zu hoffen, auch niemals betroffen sein würde. Nun aber hatte Charlie etwas von Krieg und Aufständen in ihrer Welt gesagt. Sein Interesse an den Geschichten seiner Großmutter war niemals so groß gewesen.

So hörte er ihr heute genauer zu, als sie zum wiederholten Mal davon erzählte, wie es war, aus dem Luftschutzbunker zu kommen und festzustellen, dass dort, wo am Abend zuvor noch ihr Haus gestanden hatte, nun ein Trümmerberg lag. Alles, was einst ihnen gehört hatte, vernichtet, in einer Nacht. Mit nur dem, was sie mit in den Bunker genommen hatten – ein Koffer mit den wichtigsten Sachen hatte immer griffbereit im Flur gestanden – zogen sie nun zur Schwester ihrer Mutter. Die war wie ihre Mutter auf sich selbst gestellt, ihrer beider Männer im Krieg. Die Tante hatte selbst drei Kinder, deshalb war nicht so viel Platz über. Also schlief ihre Mutter bei der Tante, und sie musste sich mit der Cousine ein Bett teilen. Das hatte viel Streit gegeben, die Cousine und sie mochten sich nicht besonders.

Immerhin hatte die Tante einen Balkon. Da hatten sie in den Hungerjahren nach dem Kriegsende Gemüse angepflanzt, und Kartoffeln hätten sie sich aus der Eifel geholt. Einmal hatte die Tante auch zwei Kaninchen von dort mitgebracht. Was hatte sie sich über diese süßen Tierchen gefreut, hatte mit ihnen gespielt – bis die Tante sie ihnen am nächsten Tag zum Mittagessen serviert hatte. Keinen Bissen hatte sie davon herunterbekommen.

Victor versuchte sich vorzustellen, was es bedeutete, von einem Tag auf den nächsten sein Zuhause zu verlieren. Bilder vom zerstörten Köln hatte er einmal gesehen. Seine Mutter hatte die Werke eines Künstlers ausgestellt, der sich auf diese Thematik spezialisiert hatte. Da hatten sie ihm auch erzählt, dass drei Viertel der Häuser im gesamten Stadtgebiet zerstört gewesen waren.

Für Victor war und blieb dies unvorstellbar. Wenn er sich in seiner Geburtsstadt umschaute, gab es für ihn keinerlei erkennbaren Hinweis darauf, dass es hier nicht schon immer ausgesehen haben sollte wie jetzt. Allerdings zeigte seine Mutter manchmal auf ein gekacheltes Haus, das zwischen zwei wunderschönen Altbauten stand, und sagte dann etwas wie »Schon wieder so ein architektonisches Nachkriegsverbrechen!« Für Victor aber gehörten von außen gekachelte Häuser nun mal genauso zum normalen Stadtbild wie der Dom oder die Großbaustellen, die vorübergehend aufgegeben werden mussten, weil beim Graben in die Tiefe mal wieder römische Scherben gefunden worden waren.

So genau er seiner Großmutter also auch zuhörte, letztendlich blieben ihre Geschichten einfach nur Geschichten.


Autorin: Britta Kretschmer, www.mehr-welten.de

 

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