Schleusen öffnen: Kapitel 22

Nachdem Charlie die Schleuse geöffnet hatte, die sie wieder in den Victor nun schon vertrauten dunklen Fabrikflur gebracht hatte, ging es von dort für ihn zum ersten Mal auf die Straße.

Eigentlich hatte er es bereits vom Dach der Fabrik aus gesehen, aber nun, da er ebener Erde auf seiner Straße stand, fiel es ihm noch deutlicher auf: In seiner Welt war das Straßenbild geprägt von einer Mischung aus freistehenden und Reihenhäusern, die alle sehr gepflegt waren – mit der einen Ausnahme, die Charlies Haus darstellte. Hier aber standen, sofern sie überhaupt intakt waren, große klotzige Gebäude mit grauen Fronten. Gärten gab es gar nicht, nur sehr wenige Bäume säumten den Straßenrand.

Der Eindruck änderte sich auch nicht, als sie die Straßen wechselten und so auf dem Gürtel, einer ringförmig um die Innenstadt angelegten Straße landeten. Wo in Victors Welt mehr oder weniger schöne Wohnhäuser standen, gab es hier gar keine Gebäude oder diese grauen Betonbauten. Und wo bei ihm kleine Geschäfte und Restaurants ihre Waren und Dienstleistungen anboten – nun ja, es gab auch hier Geschäfte. Nur waren sie nicht so groß und voll und werbefreundlich, wie er es kannte, weniger an der Zahl, und ihr Angebot war sehr überschaubar. Zumindest aber gab es überhaupt Einkaufmöglichkeiten. Aber wo waren die Läden, die er so schätzte? Wo war die italienische Eisdiele, der Victor so gerne Besuche abstattete, und wo die Pizzeria an der Ecke oder der Döner-Imbiss? Das brachte Victor auf den Gedanken, dass er wohl in der ganzen Stadt wahrscheinlich keine amerikanischen Fastfood-Restaurants finden würde. Und ob es irgendwo in dieser Stadt eine Buchhandlung gab, die die von ihm so geliebten, aus dem Englischen übersetzten Fantasy-Romane verkaufte, galt auch sehr zu bezweifeln.

Es waren eine Reihe von Menschen auf der Straße unterwegs, und obwohl keiner ihnen größere Beachtung schenkte, kam Victor sich doch beobachtet vor. Umgekehrt beobachtete er sie aber auch, heimlich. Ihm fiel auf, dass alle so altertümlich gekleidet waren wie Charlie – und im Moment auch er selbst. In seinen Jeans, dem T-Shirt und den Sneakers, gar noch mit seinem Rucksack, wäre er hier aufgefallen wie ein Papagei unter Spatzen. Denn das war es hier: sehr einfarbig.

Wieder fühlte er sich erinnert an das Fotohobby seines Vaters. Sepia, eine bräunlich-schwarze Tintenfarbe, ließ auch die farbenfrohste Umgebung, auf Papier gebannt, altertümlich aussehen, das hatte Hannes ihm einmal anhand eines lustigen Sommerurlaubfotos gezeigt. Nur brauchte es hier nicht die fototechnische Veränderung: Hier war eben nichts farbenfroh.

Zum Beispiel die Autos. Die gab es hier natürlich, und es gab sogar mehr Marken als er vermutet hätte. Ja, es waren sogar ein paar ausländische Hersteller dabei – zumindest aus seiner Perspektive war ein Renault ein ausländisches Modell. Das sorgte bei Victor kurzfristig sogar für ein Gefühl der Erleichterung, bis er merkte, dass in den meisten Wagen Uniformierte hinter dem Steuer saßen. Deren Autos waren dann auch fast ausschließlich schwarz.

Gerade fuhr an ihnen eine Straßenbahn vorbei, und auch für die galt der Aspekt der mangelnde Farben. Die Bahnen, die er kannte, waren meist rot und strotzten nur so vor an ihren Seitenfronten aufgebrachten Werbungen. Diese Bahn hingegen war wahrscheinlich einst von einer hellen Farbe gewesen, die man großzügig als abgedecktes Weiß bezeichnen konnte, und wäre das wohl auch wieder, wenn sie einer mal ordentlich reinigen würde. Letztlich erinnerte die Bahn Victor an das Straßenbahnmuseum, das er und Hannes einmal besucht hatten. Dort gab es aus jedem Zeitalter des Kölner Nahverkehrs Exemplare, und die aus den Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts hatten so ähnlich ausgesehen.

Das mit den nicht genutzten Werbeflächen war so eine Sache. Einerseits war Victor sich nicht sicher, ob er sie vermisste, die Reklameschilder von Mobilfunkanbietern und Damenunterwäscheherstellern. Andererseits war es ja nicht so, dass es hier überhaupt keine Werbung gab. Wenn etwas beworben wurde, war das dann auch unübersehbar groß und protzig und handelte fast ausschließlich von der Nazi-Partei und ihren Einrichtungen. So gingen sie zum Beispiel an einem riesigen Plakat vorbei, das für Kraft durch Freude-Reisen warb. Victor wusste nicht, was das genau bedeutete, aber da unter einer extrem glücklich dreinschauenden fünfköpfigen Familie an einem Ostseestrand der Schriftzug Mit dem Führer der Sonne entgegen stand, wagte er zu bezweifeln, dass es sich um einen unpolitischen Reiseveranstalter handeln könnte.

Schließlich bogen sie vom Gürtel ab und kamen in das Sülzer Viertel. In Victors Welt war der Unterschied in der Bebauung der beiden Stadtteile auch für einen Zwölfjährigen offensichtlich – besonders wenn dieser Zwölfjährige eine Mutter hatte, die sich für Architektur interessierte. Während Lindenthal einst für Angestellte und Beamte erschaffen worden war, handelte es sich bei Sülz um ein Arbeiterviertel. Hier waren die Straßen schmaler und die Häuser weniger aufwändig, und in früheren Zeiten hatte es auch Fabriken dort gegeben, in denen die Sülzer ihren Arbeitsort direkt neben ihrem Wohnort gefunden hatten. Zumindest galt dies für Victors Welt.

In der Welt hingegen, in der er sich gerade bewegte, sah alles gleich aus. Wieder nur graue Fronten klotziger Riesenbauten, die sogar einzelne kleinere Nebenstraßen geschluckt zu haben schienen, so mächtig erdrückten sie ihre Umgebung.

»Hey, du Bengel, pass bloß auf!« Das war eine Passantin, in die er fast hineingelaufen wäre, weil er entgegen Charlies Rat seinen Blick eben doch gehoben und sich die Häuser angeschaut hatte.

»’tsch-tsch-tschuldigung, H-h-h-heil Hitler«, murmelte er und erntete dafür von Charlie einen strafenden Blick. Die Passantin war längst weitergegangen.

Nun bogen sie in eine der Nebenstraßen ein, die Victor gekannt hätte, wären sie bei ihm zu Hause gewesen. Hier gab es einen Italiener, bei dem er und seine Eltern des Öfteren essen gingen, an einer anderen Ecke einen Bioladen, und ein Stück die Straße hinauf war ein Spielplatz. Von all dem fand sich aber nur der Spielplatz, auf dem einige Jungen mit einem mehr oder weniger runden Ding Fußball spielten.

»Wir sind gleich da«, raunte Charlie ihm zu. »Vorher gehen wir aber noch in den Laden da, ja?« Sie zeigte auf eine Art Tante-Emma-Laden. »Die Besitzerin ist sehr nett«, setzte sie noch hinzu.

Victor nickte, seine Aufmerksamkeit galt aber doch mehr den Jungen mit dem runden Ding. Von weitem sah es aus, als hätten sie mehrere Lumpen mit einem Strick zu einer Kugelform verholfen. Das schien sie aber nicht davon abzuhalten, ihren Sport mit viel Ernst und Eifer zu betreiben. Fast wäre er weiter gelaufen, statt Charlie in den Laden zu folgen, so sehr faszinierte ihn dieser Fußballersatz.

»Victor, hier geht’s lang!« rief Charlie ihn.

Er folgte ihr, blieb aber schüchtern in der Tür stehen. Charlie drehte sich noch einmal zu ihm um und nickte ihm aufmunternd zu.

»Charlotte!« rief die Tante Emma. »Kommst du, die Waren für deine Mutter abzuholen?«

»Ja«, sagte Charlie. »Sie muss heute länger arbeiten.«

Tante Emma griff unter ihren Tresen und holte eine braune Papiertüte hervor. »Wer ist dein Freund?« fragte sie.

»Er gehört zur Familie«, sagte Charlie und lächelte dabei.

Tante Emma lächelte auch. »Haben wir mal wieder Zuwachs bekommen?«

»Kann man so sagen. Vielleicht kommen wir zukünftig öfter mal zusammen.«

»Schön!« sagte die Frau, reichte Charlie die Tüte über den Tresen und wandte sich dann an Victor: »Magst du auch einen Zuckerkringel?«

Victor merkte, dass er rot wurde. Weil er nicht wusste, was er sagen sollte, nickte er.

»Bisschen schüchtern, der Kleine, was?« Tante Emma lächelte ihn freundlich an und gab Charlie zwei mit viel Zucker bestreute Teigteilchen, von denen Charlie eins an Victor weiter reichte.

»Danke!« sagte Charlie.

»D-D-D-Danke«, sagte Victor und fügte dann noch ein »H-h-h-heil Hitler« hinterher.

Tante Emma schaute erst ihn, dann Charlie einigermaßen verstört an. »Was ist das denn für einer?« fragte sie. »Gehört der wirklich zur Familie?«

»Nicht böse sein, Marga«, entschuldigte sich Charlie schnell und schaute Victor wieder strafend an. »Er weiß noch nicht, dass er das hier nicht sagen muss.«

»Dann solltest du ihm schnell beibringen, was man hier sagen darf und was nicht«, sagte Marga streng.

Wenn Victor nicht bereits rot gewesen wäre, wäre das jetzt der Moment gewesen, wirklich Farbe ins Gesicht zu bekommen. »Entschuldigung«, murmelte er und verzichtete diesmal auf seine Stotterversuche.

Marga nickte ihm einmal zu und wandte sich dann wieder an Charlie. »Grüß mir deine Mutter. Übermorgen könnte wieder was reinkommen.«

»Werd ich ihr sagen.« Und damit verließen sie den Laden.


Victor war ein bisschen ärgerlich. Wie sollte er wissen, was er hier zu wem sagen durfte und was nicht?

Aber Charlie kam ihm zuvor: »Ich hätte dir sagen sollen, dass Marga zu uns gehört. Tut mir leid.«

»Was meinst du mit dass sie zu uns gehört? Und was heißt Familie?«

»Das erklär ich dir zu Hause. Wir sind gleich da.«

Ihr Weg führte sie an dem Spielplatz entlang. Bei genauerer Betrachtung fiel Victor auf, dass die Jungen nicht einfach so Fußball spielten. Sie hatten einen erwachsenen Trainer, der sie ganz schön herumkommandierte. Offensichtlich konnte es ihm keiner der Jungen recht machen.

Plötzlich schoss einer der Spieler den Ball direkt vor Victors Füße, und auf einmal waren alle Augenpaare der Jungen einschließlich ihres Trainers auf ihn gerichtet.

Ein anderer als Victor hätte den Ball lässig zurückgeschossen, nur hatte er es bekanntermaßen nicht so mit Bällen. Und erst recht nicht hatte er es mit Lumpenkugeln. Ein wenig unentschlossen nahm er diese auf und warf sie so ungeschickt zurück, dass sie es kaum bis auf den Platz schaffte.

Prompt fingen die Jungen an zu lachen. In dies Lachen hinein rief der Trainer auch noch: »Was ist das denn für ein Waschlappen? Wer hat den denn gedrillt?«

Daraufhin lachten die Jungen nur noch lauter.

Victor schnappte nach Luft. Natürlich hatte er nicht vor, wirklich etwas zu erwidern, aber er hätte gerne etwas gesagt.

»Nicht!« zischte Charlie ihm zu und griff seinen Arm. »Komm, lass uns gehen.«

Noch einmal um die Ecke und ein Stück die Straße hinunter, dann waren sie endlich angekommen. Es handelte sich nicht um einen dieser grauen Klötze, sondern war noch ein altes Haus, gebaut am Anfang des 20. Jahrhunderts. Das bedeutete aber nicht, dass es erheblich schöner war als die Betonbauten: Der Zahn der Zeit hatte an Fassade, Fenstern und Türen genagt. Eine Sanierung wäre schon vor vielen Jahren nötig gewesen, hatte aber nicht stattgefunden. In seiner Welt jedenfalls würde ein solches Haus als unbewohnbar gelten.

Die Haustür stand offen. Bei genauerer Betrachtung sah man, dass sie gar kein Schloss hatte. Innen stand es nicht besser: Jede einzelne Treppenstufe hing durch, der Handlauf fehlte an den meisten Stellen oder hing nur noch am seidenen Faden, und der Putz rieselte von den Wänden.

Sie gingen in das oberste Stockwerk. Jede andere Etage hatte vier Wohnungstüren, hier oben gab es aber nur zwei – zwei weitere Türen fehlten, hatten ursprünglich wohl einmal die Gemeinschaftsräume unter dem Dach abschließbar gemacht.

Charlie holte einen Schlüssel hervor und öffnete ihre Wohnungstür.


Autorin: Britta Kretschmer, www.mehr-welten.de

 

Und schon wieder alle…

175 Stimmen sind diesmal für mehr Kapitel nötig.

Und wie immer heißt es: Kräftiges Weiterempfehlen kann zumindest mal nicht schaden!

Neues in der Zwischenzeit auf meiner Facebook-Seite Mehr Welten oder via Twitter @KretschmerB

 

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