Schleusen öffnen: Kapitel 21

Victor wusste, was er zu tun hatte. Er ging in sein Zimmer, nahm seinen bereits gepackten Rucksack und schaute sich noch einmal um. Sein Blick fiel auf den Stofftierlöwen, den Charlie so ins Herz geschlossen hatte. Er steckte den und seinen Gameboy in den eigentlich bereits sehr vollen Rucksack und ging hinaus. Im Flur schnappte er sich seine Jacke und verließ das Haus.

Auf der Straße bog er ab, als würde er zur Schule gehen. Doch das hatte er nicht vor. Er wusste, dass seine Eltern hinter ihm herschauen würden. Er wollte sie glauben machen, dass alles in Ordnung sei.

Tatsächlich folgte er dem Weg noch ein ganzes Stück. Als er bei der Bäckerei ankam, die auf halbem Weg lag, ging er hinein und kaufte sich zwei Brötchen und eine Flasche Kakao. Dann schlug er einen Bogen, der ihn zurückführte in seine Straße, allerdings am anderen Ende, sodass er von seinem Haus aus nicht zu sehen war. Schnell lief er zu dem alten Haus, in dem Charlie vermeintlich wohnte. Dabei konnte er nur hoffen, dass er keine Aufmerksamkeit der Nachbarn auf sich zog. Die meisten machten sich um diese Zeit auf den Weg zur Arbeit, seine Befürchtung war also durchaus berechtigt. Also tat er so, als würde er bei Charlie klingeln, um dann um das Haus herum zu gehen. Schließlich versteckte er sich in der Garage.

Nun hieß es warten. Charlie würde nicht kommen, bevor ihre Schule zu Ende war, er hatte also noch einige Zeit totzuschlagen. Deshalb hatte er den Gameboy eingesteckt, denn hier drinnen gab es nicht viel, womit man sich beschäftigen konnte. Wo andere ihr Auto oder ihre Fahrräder aufbewahrten, hatte Ralph nur einen großen alten Schrank stehen. In dem befand sich allerlei Krempel: einige alte Kleidungsstücke, etwas Werkzeug, ein Stoß leerer Filmrollen und zwei defekte alte Radios. Victor sortierte die Gegenstände neu, sodass ein freier Platz entstand, der gerade groß genug war, damit er sich darin verstecken konnte. Immerhin konnte es sein, dass irgendjemand ihn in die Garage hatte verschwinden sehen, da wollte er nicht auf den ersten Blick zu sehen sein, wenn hier jemand nach ihm suchen sollte.

Er zog die Tür so weit zu, dass sie noch einen Spalt offen blieb und nahm sich den Kakao, die Brötchen und seinen Gameboy zur Hand. Nachdem er gefrühstückt hatte, stellte er den Sound des Gameboys aus und war für die nächste Zeit beschäftigt. Dann allerdings überkam ihn die Müdigkeit, schließlich hatte er in letzter Zeit nicht sehr gut geschlafen. Und so kam es, dass er erst wieder aufwachte, als sich in seinem Kopf das ihm mittlerweile recht vertraute flirrende Murmeln der im Entstehen begriffenen Schleuse breit machte.

Charlie erschreckte sich fürchterlich, als Victor plötzlich hinter ihr stand. »Was machst du hier?« fragte sie.

»Ich hab auf dich gewartet.«

»Müsstest du nicht noch in der Schule sein?«

»Da kann ich nicht mehr hingehen. Und nach Hause kann ich auch nicht mehr.«

»Was ist passiert?«

Und da erzählte Victor es ihr. Ein wenig wirr und nicht ganz im genauen zeitlichen Ablauf der Geschehnisse, immerhin aber so deutlich, dass Charlie die wesentlichen Punkte verstand: Victors Vater hatte herausgefunden, dass er an seinem Safe gewesen war, und der Finstere Gast wusste es auch. Und jetzt drohte Arthur, Victor etwas anzutun, und weil sein Vater das nicht geschehen lassen wollte, schickte er ihn in die Schweiz in irgendeine Klinik. Vielleicht schickte er ihn aber auch in die Klinik, um in Ruhe weiterhin seine Geschäfte betreiben zu können.

»Was hast du am Safe gewollt?« fragte Charlie schließlich. »Ralph hat dir doch verboten, noch mal zu spionieren.«

»Da war was von meiner Mutter drin, das wollte ich haben.«

»Von deiner Mutter?«

»Von meiner echten Mutter«, sagte Victor. »Und dann hab ich noch was über Arthur gefunden. Ich hab es kopiert.«

»Du hast was?«

»Ich habe Kopien erstellt. Als hätte ich es abgeschrieben, nur dass es eine Maschine für einen macht«, erklärte Victor, weil er dachte, Charlie wüsste nicht, was Kopien sind.

»Ich weiß, was ein Kopierer ist!« sagte sie. »Das hast du dich getraut?«

Victor zuckte mit den Schultern. »Ja, aber dann habe ich vergessen, den Kopierer wieder auszuschalten. Was soll ich denn jetzt nur machen?« fragte er verzagt.

Charlie dachte darüber nach. »Nach Hause gehen kannst du wirklich nicht mehr. Und hier bleiben auch nicht.«

Victor schaute sie fragend an. Eigentlich war das sein Plan gewesen. Im Haus gab es doch nun wirklich genug, zumindest ein Bett und einen vollen Kühlschrank. »Warum nicht?« fragte er.

»Na, hier würden sie dich doch als erstes suchen!«

Wo sie recht hatte, hatte sie recht. Traurig schaute er auf seine Schuhspitzen. »Kannst du mich dann nicht mit zu dir nehmen?«

»Hm«, machte Charlie. »Das werden wir wohl tun müssen.« Dann schaute sie einmal an ihm herab. »Aber wir müssen dir andere Klamotten suchen.«

Victor holte seinen Rucksack hervor und zeigte ihr, was er mitgebracht hatte. Aber Charlie schüttelte nur den Kopf. »Viel zu schick!« war ihr einziger Kommentar.

Letztlich blieb ihnen aber nichts anderes übrig, als sich bei seinen Sachen zu bedienen, denn nichts von dem, was Ralph hier gelagert hatte, passte Victor. Also nahm Charlie seine dunkelblaue Anzughose, ging mit ihr den Garten und warf sie dort in den Dreck. Dann stampfte sie so lange darauf herum, bis die gute Hose gar nicht mehr gut aussah. Schließlich zog sie sie selbst an und rutschte mit den Knie auf den Rasen herum, sodass ordentliche Grasflecken entstanden.

Victor schaute sich das Ganze mit gemischten Gefühlen an: Einerseits überkam ihn eine gewisse Genugtuung, hatte er diese Hose doch noch nie leiden können. Andererseits dachte er an Maria, die immer böse mit ihm war, wenn er mit seinen Sachen allzu sorglos umging. War sie es doch, die Flecken und Dreck wieder herauswaschen musste. Was würde sie sagen, wenn sie das jetzt sehen könnte?

Was würde Maria sagen, wenn sie erfuhr, dass er von zu Hause abgehauen war? Würde sie ihn verstehen?

Zur so nun angemessenen Hose sollte Victor sein T-Shirt auf links wenden und verkehrt herum anziehen. Auf diese Weise war nichts von dem Aufdruck auf seiner Brust zu sehen. Dann gab Charlie ihm die hässliche stinkende Jacke, die er bereits kannte, und die Mütze. Blieben nur noch die Sneakers, die Victor gegen die mitgebrachten Halbschuhe austauschte. Auch die versah Charlie noch mit einigem Staub und Dreck, damit sie nicht ganz so frisch geputzt und ungetragen aussahen.

»So«, sagte sie, als ihr Werk vollendet war, »jetzt siehst du aus wie ein ganz normaler Junge aus meiner Welt.«

Victor schaute sie unsicher an. »Aber du bist nicht so dreckig.«

»Mädchen müssen ordentlich sein.« Sie verzog angewidert das Gesicht. Dann fiel ihr Blick auf seine Hände. »Du könntest übrigens noch ein wenig Dreck an den Händen vertragen.« Sie ging in den Garten und holte einen Klumpen Blumenerde, den sie ihm gab. »Und wenn wir drüben sind, dann läufst du hinter mir her und ziehst den Kopf ein. Wenn uns jemand fragen sollte, dann sage ich, dass du mein kleiner Bruder bist und nicht richtig reden kannst. Nein«, korrigierte sie sich dann selbst, »ich sag, dass du stotterst. Kannst du stottern?«

»Ich weiß nicht.« Victor war von der Idee nicht ganz so begeistert.

»Und wenn uns jemand anspricht, dann sagst du Heil Hitler, okay? Das sagt man bei uns statt Guten Tag oder was sonst so nett wäre.«

»Muss ich das wirklich sagen?« Victor bekam es definitiv mit der Angst zu tun.

»Ist doof, find ich ja auch, aber so fallen wir wenigstens nicht auf.« Sie schnitt mal wieder eine ihrer Grimassen. Dann sagte sie: »Wir wohnen übrigens in Sülz.«

»In Sülz? Das ist aber weit.« Victor dachte nach. »Wäre es nicht besser, wenn wir hier mit der Straßenbahn hinfahren würden und dann dort erst in deine Welt gehen?«

»Das könnten wir schon machen, aber dann sieht dich vielleicht Maria oder sonst jemand, der dich kennt. Außerdem«, fügte sie hinzu, »ist der nächste Ort von meinem Zuhause, wo wir sicher eine Schleuse aufmachen können, auch nicht so viel näher.«

Sie drehte sich von ihm ab und schien sich auf ihre nächste Aufgabe konzentrieren zu wollen, aber Victor fiel noch etwas ein: »Warte!« Dass er seinen Rucksack nicht würde mitnehmen können, war ihm schon klar. Aber wenigstens sollten doch die Kopien und die beiden Erinnerungen an seine Mutter nicht hier in der Garage bleiben. Nachdem er die Sachen herausgenommen und sich wieder unter der Kleidung in den Hosenbund gesteckt hatte, stellte er den Rucksack in den Schrank und machte diesen zu.

»Okay, jetzt können wir.«


Autorin: Britta Kretschmer, www.mehr-welten.de


Kommentare

Schleusen öffnen: Kapitel 21 — 2 Kommentare

  1. Hallo Britta,

    wow, ich habe gerade mal angefangen ein bisschen in deinen Blogroman rein zu lesen und bin begeistert!
    Ich bin jetzt irgendwo bei der Hälfte, werde aber auf jeden Fall noch weiter lesen.
    Ich habe mit meinem Blogroman gerade erst gestartet vor ein paar Tagen und bin daher dabei, mich ein wenig um zu sehen, wie andere das so schreiben, wie lang man die Kapitel am Besten macht usw. und bin wirklich erstaunt darüber, was für tolle Geschichten man auf Blogs generell so findet. Ein paar haben mich echt schon richtig in ihren Bann gezogen. Deiner auch ;-)

    Okay, das wollte ich dir jetzt einfach mal so da lassen :-)
    Wünsche dir noch einen schönen Abend,
    liebe Grüße,
    Sabi

    • Hallo Sabi,

      ja, dann viel Erfolg mit deinem Blogroman – mehr Blogromane brauchen die Welten!

      LG, bk

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