Schleusen öffnen: Kapitel 20

Verständlicherweise machte Victor in dieser Nacht kaum ein Auge zu. Sein erster Gedanke war, sofort von zu Hause abzuhauen. Also fing er an, seine Sachen zu packen. Er nahm seinen Schulrucksack und leerte ihn. Hinein steckte er eine Jeans, ein T-Shirt und ein Sweatshirt sowie etwas Unterwäsche zum Wechseln, aber dann fiel ihm ein, was Charlie ihm über seine Schuhe gesagt hatte. Gut möglich, dass sie ihn mit in ihre Welt nahm, da würde er mit seinen Sachen auffallen. Er erinnerte sich an die hässliche, stinkende Jacke, die Ralph ihm gegeben hatte, also suchte er seinen Kleiderschrank eilig nach Kleidungsstücken ab, die dem entsprachen. Hässlich war hier so einiges, aber nichts war dreckig oder stank. Verzagt setzte er sich auf sein Bett.

Dann hörte er das Auto seiner Mutter vorfahren. Er schaute aus dem Fenster und sah, wie sie ausstieg und auf die Haustür zuging. Ob sie wusste, was sein Vater mit Arthur trieb? Das war schwer zu sagen. Sie sah sehr besorgt aus, besorgter fast noch als vorhin, als sie sich von ihm verabschiedet hatte. Würde sie zulassen, dass ihm etwas passierte? Victor konnte es sich nicht vorstellen. Aber hatte er sich vorher vorstellen können, was er gerade mit angehört hatte?

Nun hörte er sie durch das Haus laufen, als wäre sie auf der Suche nach irgendetwas. Oder irgendjemandem. Dann schien sie es gefunden zu haben, vielmehr ihn. »Hannes, wir müssen reden«, hörte er sie sagen. »Es geht um Victor.« Sein Vater antwortete etwas, das Victor nicht verstand, und dann gingen die beiden ins Wohnzimmer und schlossen die Tür hinter sich. Keine Chance, ein weiteres Wort von ihrem Gespräch zu erhaschen. Wenig Chance, jetzt das Haus unbemerkt zu verlassen.

Angezogen, wie er war, löschte er sein Licht und legte sich ins Bett. Falls sie bei ihm reinschauen würden, sollten sie denken, dass er bereits schlief.

Eine Weile später hörte er, wie seine Eltern die Treppe heraufkamen. Sie schauten aber nicht bei ihm rein, sondern gingen in ihr Schlafzimmer. Nacheinander kamen sie wieder heraus, um das Badezimmer aufzusuchen. Keiner kam zu ihm. Wieder eine Weile später kehrte völlige Stille im Haus ein.

In dieser Stille stieg Victor wieder aus seinem Bett. Im Moment fühlte er sich einigermaßen sicher, aber wirklich sicher sein konnte man wohl nie. Er schaute ein weiteres Mal in seinen Kleiderschrank und wählte eine dunkelblaue Anzughose und ein beigefarbenes Hemd. Beide waren erschreckend sauber und ordentlich, aber Victor wusste, dass er nichts Passenderes finden würde. Schließlich stopfte er noch die verhassten Halbschuhe und die Kopien, die noch immer unter seiner Matratze lagerten, in den Rucksack. Das Foto seiner Mutter und das Babyarmband steckte er vorsichtig in eine Seitentasche und gab den Inhalt seines Sparschweins noch hinzu.

Dann legte er sich wieder in voller Bekleidung in sein Bett und wartete darauf, dass es Morgen werden würde.


Am nächsten Morgen schlich er die Treppe hinunter. Maria bereitete in der Küche das Frühstück vor, das konnte er hören. Aber er hörte noch mehr.

»Ist das wirklich nötig?« fragte sie gerade. »Dem Jungen geht es doch so gut wie nie.«

»Aber vielleicht ist es gerade dieses Mädchen, das ihm die Flausen in den Kopf gesetzt hat. Frau Theisson meinte, man könne sich nicht sicher sein, ob es seine eigene Phantasie ist oder tatsächlich jemand ihn beeinflusst.« Das war Victors Mutter.

»Kann man das nicht herausfinden? Muss es denn gleich so was Drastisches sein?« Maria klang sehr unglücklich.

»Sie ist seine Ärztin«, verteidigte Barbara Dr. Theisson. »Wenn es einer beurteilen kann, dann doch wohl sie. Es wäre nur zu seinem Besten.«

Victor, der vor der angelehnten Küchentür stehen geblieben war und versucht hatte zu verstehen, was über ihn gesprochen wurde, erschrak, als sein Vater von hinten an ihn herantrat. »Na, versuchst du zu spionieren?«

Verschreckt zuckte Victor zusammen. Und zog automatisch den Kopf ein.

»Komm«, sagte Hannes. »Wir haben was Wichtiges zu besprechen.« Und damit nahm er seinen Sohn beim Arm und zog ihn mit sich in die Küche.

»Victor!« sagte seine Mutter, und Maria lächelte ihn mitfühlend an, als er hinter seinem Vater die Küche betrat. Er setzte sich an den Küchentisch, dort stand schon sein Kakao und eine Schale Cornflakes. Sein Vater nahm sich eine Tasse Kaffee und setzte sich ihm gegenüber.

»Ich habe mich gestern mit deiner Therapeutin unterhalten«, sagte seine Mutter. »Sie macht sich Sorgen um dich.«

Victor schaute sie nur an.

»Sie hat mir gesagt, was du ihr gestern erzählt hast. Hat Charlie dir diesen Floh ins Ohr gesetzt?«

Überrascht schüttelte er den Kopf. »Nein, sie hat damit nichts zu tun.«

Seine Eltern wechselten Blicke. »Frau Theisson meinte, wir sollten vielleicht über eine neue Therapieform nachdenken.«

Nun meldete sich sein Vater zu Wort. »Du hast viel Phantasie, das hat dein Klassenlehrer auch gesagt. Vielleicht ein bisschen zu viel Phantasie.«

Irritiert schaute Victor zu seinem Vater und wieder zurück zu seiner Mutter.

»Wir haben uns gestern Abend noch lange darüber unterhalten«, sagte Hannes. »Und wir sind zu dem Entschluss gekommen, dass es vielleicht das Beste ist, wenn sich mal eine Zeit lang jemand anders darum kümmert.«

»Frau Theisson hat von einer Klinik in der Schweiz erzählt, die soll sehr schön sein«, ergänzte Barbara. »Vor allem haben die dort viel Erfahrungen mit Kindern wie dir.«

»Ich habe gerade mit denen telefoniert. Sie hätten sogar einen Platz frei.« Das war wieder sein Vater. »Du könntest schon nächste Woche dort aufgenommen werden.«

Blankes Entsetzen erfasste Victor. Sie wollten ihn abschieben! Sie wollten ihn einfach abschieben! Hilfesuchend schaute er zu Maria, aber die hatte eine Hand vor ihre Augen gelegt. Victor hatte den Eindruck, dass sie weinte.

»Es muss nicht für lange sein. Nur bis es dir besser geht«, sagte seine Mutter.

»Das mit der Theisson hat doch nicht viel gebracht«, sagte sein Vater. »Man muss das doch endlich mal in den Griff bekommen.«

Ein sehr klarer Gedanke schoss Victor in den Kopf. Er wusste, was er zu tun hatte. »Ich muss zur Schule«, sagte er und stand auf.

»Da müssen wir ihn auch noch abmelden«, sagte sein Vater.

»Ich kümmere mich darum«, antwortete Barbara und schüttelte traurig den Kopf.


Autorin: Britta Kretschmer, www.mehr-welten.de


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