Prolog

Victor stand inmitten des großen Wohnbereiches seines Zuhauses und hasste alles, was er sah. Dabei war es gar nicht so viel, was er sah. Ihm war nämlich so gar nicht danach, sich umzuschauen. Betrübt stand er inmitten seines großen Wohnzimmers und starrte auf seine Schuhspitzen.

Was er gesehen hätte, hätte er sich umgeschaut, wäre eine Menge von Menschen gewesen, die allesamt so taten, als wäre er gar nicht anwesend. Freunde, Bekannte und Geschäftspartner seiner Mutter waren hier versammelt. In seinem Zuhause. Sie waren eingeladen worden, um sich ihrer gemeinsamen Begeisterung zu widmen: der Kunst. Dort, wo er normalerweise mit seinen Eltern zum Essen saß, standen sie genauso herum wie dort, wo er sich gerne vor dem Fernseher lümmelte. Nur konnte heute von Lümmeln nicht die Rede sein. Lümmeln hätte nicht zu seinem Outfit gepasst, das seine Mutter ihm verpasst hatte. Wenn Barbara Schindler zu einer ihrer Geschäftsparties einlud, machte sie nicht nur sich selbst schick, sie brezelte auch ihren Zwölfjährigen auf. Sehr zu Victors Leid.

Unter normalen Umständen war sie die beste Mutter, die man sich wünschen konnte. Keine, die tat, als sei sie seine beste Freundin. Keine, die sich über die kleinsten Kleinigkeiten unnötig aufregte. Keine, die zu streng war. Aber wenn es um ihre Parties ging, war sie unerbittlich. Schließlich geht es hier um das Familienunternehmen, pflegte sie zu sagen. Und unerbittlich verlangte sie von ihm, einen dieser guten Anzüge anzuziehen, die sie für diese Art von Anlass für ihn besorgt hatte. Und diese Klamotten hasste er nicht minder als den Rest.

In dem Moment klingelte es an der Tür. Ein weiterer von diesen überflüssigen Gästen, dachte Victor. Als gäbe es nicht schon viel zu viele von denen hier. Aber nicht nur, dass ein weiterer Kunstliebhaber die Raumtemperatur ansteigen und den Sauerstoffgehalt der Umgebungsluft sinken lassen würde. Jeder neue Gast wurde von der Hausherrin selbst begrüßt. Und genau da lag das Problem.

Unter normalen Umständen war seine Mutter eine nette Frau mit freundlichen Umgangsformen. Sie grüßte die Nachbarn mit Namen, gab im Restaurant immer ein großzügiges Trinkgeld und half jungen Müttern mit ihren Kinderwagen beim Einsteigen in die Bahn. Wenn Barbara Schindler als Mutter Schindler unterwegs war, gab es eigentlich nur wenig, das einem als ihr einziger Sohn peinlich sein musste. Victor musste ihr sogar zugestehen, beizeiten recht cool zu sein.

Wenn Mutter Schindler allerdings als Galeristin Schindler ihre Kunstfreunde in ihrem Heim begrüßte, war sie nur noch peinlich. Aufs Unangenehmste berührt von so viel Affektiertheit und Exzaltiertheit zog Victor seinen Kopf noch tiefer ein. Nicht dass er dabei in Worten wie Affektiertheit oder Exaltiertheit gedacht hätte. Noch nicht einmal dachte er, dass sie zu gefühlsbetont und überspannt auftrete.

Alles, was Victor denken konnte, war: »Oh Mann, ist das PEINLICH!!!«


Ralph stand vor der Haustür der Familie Schindler und schaute zweifelnd an sich herunter. Er hatte seinen besten Anzug für den Abend angezogen, doch es galt zu befürchten, dass der mit dem Chic der anderen Gäste nicht würde mithalten können. Als könnte er damit irgendetwas maßgeblich verbessern, klopfte er sich ein paar Haare und einige Staubkörnchen von den Schultern und Ärmeln. Veranstaltungen dieser Art waren einfach nicht seine große Stärke, nicht nur sein Kleiderschrank war darauf nicht wirklich vorbereitet. Bei Stehpartys wird viel geredet und doch nur wenig gesagt. Aber er hatte sich der Gastgeberin, einer Galeristin namens Barbara Schindler, als Kunsthändler vorgestellt, und als solcher konnte er es sich nicht leisten, ihre Einladung auszuschlagen. Er atmete noch einmal tief durch.

Er befand sich hier in Köln Lindenthal, dem südwestlichen Stadtteil der Domstadt am Rhein, in dem die Universität beheimatet ist. Dies und die Tatsache, dass ein angenehmes Naherholungsgebiet geschaffen worden war, hatten dafür gesorgt, dass hier die Besserverdienenden wohnen. Entsprechend finden sich hier neben beeindruckenden Altbauten auch villenartige freistehende Einfamilienhäuser. Und vor der Tür eines eben solchen stand Ralph nun.

Kurz nachdem er geklingelt hatte, öffnete ihm eine kräftig gebaute ältere Frau, offensichtlich die Haushälterin der Familie Schindler.

»Guten Abend«, sagte er höflich, »Gilbert mein Name. Ich hoffe, ich bin nicht zu spät.«

»Guten Abend, Herr Gilbert. Sie werden bereits…« Weiter kam sie nicht, da fiel ihr die Hausherrin, die das Foyer schnellen Schrittes und mit ausgestreckten Armen durchquerte, ins Wort: »Ralph, mein Lieber!« rief sie und klang dabei doch arg aufgesetzt. »Wie schön, dass Sie es doch noch einrichten konnten!«

Er schenkte der Haushälterin ein entschuldigendes Lächeln, denn schon bekam er von Barbara Schindler vier Küsschen auf die Wangen gesetzt: zwei rechts und zwei links.

»Kommen Sie, ich möchte Sie jemandem vorstellen!« Sie griff seine Hand und zog ihn durch das Foyer in einen riesigen Wohnraum, in dem sich nun also die schönsten und bekanntesten Vertreter der Kölner Kunstszene tummelten und bei Sekt und Canapés Geschäfte abschlossen.

»Hans!« rief Barbara, woraufhin sich ein Mann, der sich gerade mit einer jüngeren Frau unterhielt, umdrehte. »Darf ich dir Ralph Gilbert vorstellen? Ich hab dir von ihm erzählt. Und Ralph, dies ein guter Freund mir, Hans Rosenthal.« Damit überließ sie die beiden Männer sich selbst und war schon wieder eiligen Schrittes unterwegs.

Aus dem Augenwinkel nahm Ralph wahr, dass sie sich einem Jungen näherte, dem einzigen Kind im Raum, das sich hier offensichtlich sehr unwohl fühlte. Der Sohn des Hauses, nahm Ralph an. Er konnte ihm sein Unwohlsein sehr gut nachempfinden, musste sich nun aber auf sein Anliegen konzentrieren.

»Rosenthal?« fragte er.

»Ja, wie der Das war Spitze!-Rosenthal«, sagte sein Gegenüber. Und da er sah, dass Ralph diese Anspielung nicht zu verstehen schien, erläuterte er: »Sie wissen schon, der Moderator dieses Fernsehquiz aus den Siebziger Jahren.«

Ralph lächelte verlegen. »Ach so. Ich dachte nur gerade, dass das ein jüdischer Name ist.«

»Stimmt.« Der Mann runzelte die Stirn. »Sagen Sie nicht, Sie haben ein Problem damit.«

Entschuldigend hob Ralph die Hände. »Oh nein, bitte! Ganz und gar nicht! Da, wo ich herkomme, trifft man heutzutage nur leider keine Juden mehr.« Sein Lächeln wurde sehr herzlich. »Deshalb freue ich mich umso mehr, Ihnen mein Angebot unterbreiten zu können. Frau Schindler sagte, Sie sammeln Stummfilme?«

Das Stirnrunzeln war verschwunden, die Neugier geweckt. »Ja, sie erwähnte bereits, dass Sie Zugang zu einigen sehr interessanten, als verschollen geltenden Werken haben.«

»Was wäre, wenn ich Ihnen sagen würde, dass ich über einen kompletten Satz der originalen Metropolis-Filmrollen verfüge?« Ralph kam gerne schnell auf den Punkt.

Dem Filmnarr verschlug es den Atem. »Metropolis? Sie meinen Fritz Langs Meisterwerk aus den Zwanziger Jahren? In Originallänge?«

»Ebendieses.«

»Sie meinen, Sie haben eine Kopie von der 16-mm-Variante, die sie in Argentinien gefunden haben?« Hans Rosenthal wurde wieder nüchterner.

»Nein«, sagte Ralph. »Was ich Ihnen anbieten kann, ist eine Positivkopie des Originals, wie es 1927 uraufgeführt wurde. Acht Filmrollen, über viertausend Meter Material. Laufzeit rund zweieinhalb Stunden. Keine spanischen Untertitel.«

»Und die Qualität? Wie stark beeinträchtigt sind sie?« Jetzt fing er vor Aufregung fast an zu stottern.

»Unwesentlich. Ich habe sie prüfen lassen – nichts, was sich nicht restaurieren ließe. Natürlich wurden die acht Rollen längst auf weniger brandgefährdetes Material umkopiert. Aber Sie können sich gerne selbst ein Bild davon machen. Ich gehe davon aus, Sie haben einen privaten Vorführraum?«

»Natürlich. Aber wie zum Teufel…«

»…ich an diese Filmrollen rangekommen bin?« fiel Ralph ihm ins Wort. »Nun, darüber möchte ich mich eigentlich nicht vertiefen. Sagen wir so: Ich kenne jemanden, der jemanden kennt, und dieser Jemand kann mit den Filmrollen nicht viel anfangen, wüsste ihren Gegenwert aber sehr wohl zu schätzen.«

»Und wieso ausgerechnet gerade ich? Ich meine, es gibt mit Sicherheit unzählige Cineasten, die würden ihre rechte Hand dafür geben!«

»Ich dachte, Sie geben Ihre linke gleich mit dazu.« Ralph wartete die verdutzte Reaktion seines Gegenüber ab, um dann mit ihm gemeinsam in ein schallendes Gelächter zu fallen.

Kurze Zeit später waren die beiden Geschäftsmänner handelseinig geworden. Mit einem Glas Sekt, serviert von einer der netten jungen Damen von der Cateringfirma, die Barbara Schindler für ihr heutiges Fest engagiert hatte, hatten sie darauf angestoßen. Nun stand Hans Rosenthal im Kreise seiner Freunde und feierte mit ihnen seine neuste Errungenschaft. Und auch Ralph war ein wenig in Feierstimmung. Die Summe, die Hans Rosenthal zu zahlen bereit war, konnte wahrlich als stolz bezeichnet werden, sodass Ralph allen Grund hatte, mit diesem Abschluss zufrieden zu sein.

Einem anderen, der über mehr Kunstverstand verfügte als er, hätte vielleicht das Herz geblutet, die wahrscheinlich einzigen vollständigen und gut erhaltenden Filmrollen des ersten deutschen Science-Fiction-Films, mit dem der österreichische Regisseur in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts für alle Zeiten Maßstäbe gesetzt hatte, gerade mal eben so verkauft zu haben. Ralph aber bedeutete Filmkunst ungefähr genauso viel wie jedes andere Bild oder jede andere Skulptur, die er in den letzten Jahren verkauft hatte: Es ging ihm nur um den Geldwert, der dahinter stand.

Machte ihn das zu einem schlechteren Menschen? Ralph fand: nein. Wenngleich er selbst den Besitz von Geld sehr wohl zu schätzen wusste, hatte er dieses Geschäft wie die meisten anderen zuvor nicht zu seiner persönlichen Bereicherung abgeschlossen. Vielmehr ging es ihm um Wiedergutmachung.

Während er darüber nachdachte, was er diesmal mit dem Geld wiedergutmachend anstellen würde, fiel sein Blick auf Barbara Schindler, die mit ihrem Mann im Foyer stand. Die beiden hatten offensichtlich eine Meinungsverschiedenheit, die damit zu tun hatte, dass er ihr Fest verlassen wollte. Eigentlich wollte Ralph seinen Blick gerade abwenden, da er nicht indiskret erscheinen mochte, doch da sah er im Hintergrund die Silhouette eines Mannes, den er hier niemals erwartet hätte.

Schnell zog sich Ralph im Wohnraum hinter einer Gruppe von Künstlern zurück. Auf gar keinen Fall wollte er von diesem Mann hier entdeckt werden. Fieberhaft dachte er darüber nach, was diese Begegnung zu bedeuten haben könnte. Konnte dies Zufall sein? Sie hatten einander schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen, und Ralph hatte bis heute morgen selbst nicht gewusst, dass er am Abend zu dieser Feier kommen würde, hatte niemandem von seinen Plänen erzählt.

Und wenn er gar nicht seinetwegen hier war? Vorsichtig schaute Ralph an den Künstlern, hinter denen er sich versteckt hatte, vorbei und sah gerade noch, wie Herr Schindler mit seinem Gast in einen anderen Trakt des großen Hauses verschwand.

Kurz darauf kam Barbara Schindler zu ihren Gästen zurück. Als gute Gastgeberin ließ sie sich ihre Verärgerung nicht anmerken.

Nur wenig später verließ Ralph hochbesorgt das Fest.


Autorin: Britta Kretschmer, www.mehr-welten.de

 

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Kommentare

Prolog — 6 Kommentare

  1. WOW, wusste gar nicht das Britta so toll schreiben kann. Und mir gefällt es, das die Geschichte in Köln stattfindet.
    Super 1. Kapitel…weiter so!
    LG, Ali

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