Mehr Welten und die Überbleibsel der Vergangenheit

Mehr Welten und die Überbleibsel der Vergangenheit

Wenn man nur lange genug in Köln lebt, kommt es unweigerlich zu der Erkenntnis: Buddele ja kein Loch in den Boden, du könntest eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg oder eine altrömische Scherbe finden. In beiden Fällen kommt es zum sofortigen Verkehrschaos. Nun kommt es in Köln aber auch zum sofortigen Verkehrschaos, wenn es anfängt zu regnen. Allerdings führen weder Regen noch altrömische Scherben zur großflächigen Evakuierung der betroffenen Anwohner. Auch befinden sich Hilfs- und Rettungskräfte nicht in akuter Lebensgefahr. Wenn schon Verkehrschaos, so sind Regen und Scherben also definitiv zu bevorzugen.

Mich traf das Verkehrschaos, als ich mich gestern am frühen Abend auf den Weg zu einem Interviewtermin machen wollte. Ich hatte mich schon gewundert, warum in meiner Straße ein derartiges Verkehrsaufkommen herrschte (»Was wollen die alle hier, haben die kein Zuhause?«). Bis ich an der nächsten Straßenkreuzung mit der anliegenden Straßenbahnhaltestelle den Grund für das Chaos erfuhr. Kein Regen. Keine Scherben. Vielmehr eine von diesen alten Weltkriegsbomben, erklärte eine Polizistin den Passanten. Große Teile des Stadtteils Sülz seien bereits evakuiert, da sei kein Durchkommen. Auch nicht für die Bahn. »Aber wie komme ich in die Stadt?«, fragte ich. »Kann ich zu Fuß vorbei?« »Ja, klar«, antwortete sie zu meiner Überraschung und wies die Straße entlang, die kein Auto befahren und an der keine Bahn entlangfahren durfte. »Wenn Sie auf dieser Straßenseite bleiben, sind Sie außerhalb der Evakuierungszone.«

Unicenter Köln

von Gudrun Velten (Eigenes Werk) [GFDL oder CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Weil auf der Hand lag, dass ich es nicht mehr pünktlich zu meinem Termin schaffen würde, rief ich alle Beteiligten an. Und erfuhr, dass sogar das Uni-Center – eines der größten Wohnhäuser Europas – evakuiert werden musste. Nun führte mich mein Weg, wenn auch auf der anderen Straßenseite, genau daran vorbei. Mein Blick auf das Hochhaus verriet mir, dass eine ganze Reihe von Bewohnern entweder ihr Licht angelassen hatten – oder bei der Evakuierung leider vergessen worden waren. Das erinnerte mich an eine Szene, die ich einst in der Südstadt erlebt hatte. Da durfte ich mein Haus nicht betreten. Alle seien evakuiert, hieß es. Also ging ich eine Runde durch das Viertel. Als ich eine halbe Stunde später zurückkam, war von Polizei und Rettungskräften nichts mehr zu sehen, und meine WG schaute mich mit großen Augen an: »Bombe? Evakuierung? Blödsinn, wir waren die ganze Zeit hier!«

Die Situation gestern Abend war in einer halben Stunde nicht erledigt. Erst viele Stunden später konnte die alte Bombe mit ihrem fiesen chemisch-mechanischen Langzeitzünder kontrolliert gesprengt werden. Da war ich längst wieder zu Hause nach einem mindestens genauso umständlichen Rückweg. Aber was sind schon meine kleinen Umstände im Vergleich zu den Sorgen und Nöten der schätzungsweise 5.000 Menschen, die ihr Zuhause verlassen mussten. Dass das mit den kontrollierten Sprengungen tatsächlich nicht immer kontrolliert ausgeht, mussten wir ja nun leider auch schon oft genug erfahren. Seien wir also froh, dass diesmal wieder alles glimpflich ausgegangen ist.


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