Mehr Welten und die Zeitreisen à la Stephen King

Mehr Welten und die Zeitreisen à la Stephen King

Mehr Welten liebt nicht nur Parallelwelten – ich liebe auch Zeitreisen. Die sind rein wissenschaftlich betrachtet noch nicht mal völlig ausgeschlossen, wie Stephen Hawking einst erklärte. Allerdings hat er auch das schlagende Argument geliefert, warum sie wahrscheinlich niemals stattfinden werden: Würde das irgendwann der Fall sein, wäre die Geschichte der Menschheit bereits jetzt voll von Legenden, die von seltsamen, irgendwie nicht so recht in Ort und Zeit passenden Besuchern aus der Zukunft erzählen…

Sei’s drum: Wenn also nicht im realen Leben, dann gebe ich mich der Begeisterung doch wenigstens in der Fiktion hin. So mal wieder geschehen in dem schlappe 1050 Seiten umfassenden Meisterwerk »Der Anschlag« von Stephen King. Reichlich spät, gebe ich zu, denn bereits 2011 hat er es geschrieben. Oder sollte ich besser sagen: 2011 hat er es endlich geschrieben? Darüber nachgedacht hat er jedenfalls schon 1972. In seinen Anmerkungen sagt Stephen King dazu, dass er es sich damals noch nicht getraut habe. Geht es in »Der Anschlag« nämlich um nichts Geringeres als das Kennedy-Attentat und die Frage, ob und wie man es als Zeitreisender verhindern könnte. Zu sehr drückte den Schriftsteller Anfang der Siebzigerjahre die Sorge, Amerika könnte dieses Trauma noch nicht überwunden haben.

John F. Kennedy, White House color photo portrait

By Cecil Stoughton, White House [Public domain], via Wikimedia Commons

Wenn man von einem Buch über das Kennedy-Attentat hört, liegt schnell die Vermutung nah, es könne sich hierbei um eine weitere Verschwörungstheorie handeln. Hierzu eine kleine Anmerkung:

Der 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hieß John Fitzgerald „Jack“ Kennedy und wurde am 22.November 1963 mutmaßlich von einem Mann namens Lee Harvey Oswald in Dallas, Texas ermordet. Kennedy befand sich auf Wahlkampfreise durch Texas und war gerade in einem Autokorso in Dallas unterwegs. Lee Harvey Oswald soll den Präsidenten, der in einem offenen Wagen weitgehend ungeschützt neben seiner Frau Jacqueline „Jackie“ Lee Bouvier Kennedy Onassis saß, vom 5. Stock eines Schulbuchlagers aus mit einem Scharfschützengewehr erschossen haben. Hinterher habe Oswald gesagt, er sei nur ein »Sündenbock«. Ein Geständnis hat es nie gegeben: Zwei Tage später erschoss der Nachtclubbesitzer Jack Ruby vor laufenden Kameras seinerseits den mutmaßlichen Kennedy-Attentäter, wofür er zum Tode verurteilt wurde. Rubys Aussagen und seine Verbindungen zur Mafia, Streitigkeiten in Kennedys eigener Partei, die Kubakrise (die fast den Dritten Weltkrieg ausgelöst hätte), die offensichtlich unzulänglichen Sicherheitsvorkehrungen am Tag des Attentats sowie das Vorgehen bei den Ermittlungen befeuern bis heute die zahlreichen Verschwörungstheorien, die um die ganze Geschichte ranken.

Tatsächlich thematisiert Stephen King zwar die Frage, ob Lee Harvey Oswald nun Einzeltäter war oder nicht, er trägt aber nicht weiter dazu bei. Vielmehr gleicht »Das Attentat« einem Eintauchen in die Welt der 50er Jahre. Durch den »Kaninchenbau« landet die Hauptfigur, der Englischlehrer Jake Epping, im Jahr 1958. Und zwar konkret am 09. September, einem Dienstag. Wenn ihm dann als erstes immer der Gelbe-Karten-Mann begegnet, hält einen nur die Tatsache, dass aus dem erst der Grüne-, dann der Schwarze-Karten-Mann wird, davon ab zu glauben, es sei Murmeltiertag. Doch wie so oft täuschen die ersten Eindrücke: Weder gleicht hier jeder 09. September dem anderen, noch stellt sich hier mit jedem Wiedereintritt in die Welt des Einst tatsächlich alles auf null. Doch für die Erkenntnis, wie stark der Schmetterlingseffekt wirkt und wie machtvoll sich die Vergangenheit dagegen wehrt, geändert zu werden, braucht es schon die Lektüre des ganzen langen Weges mit all seinen Nebenrouten. Und das macht richtig Spaß!

Wer also mal ein wirklich tolles Zeitreise-Buch lesen möchte, dem sei »Der Anschlag« von Stephen King schwer ans Herz gelegt. – Und keine Angst: Mit diesem Werk hat sich der Meister des Schreckens den bösen Ruf eingefangen, dem Horror abgeschworen zu haben… ;-)


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