Mehr Welten hat es schon immer geahnt

Mehr Welten hat es schon immer geahnt

Fiktion hilft uns, andere Menschen zu verstehen

Zwei amerikanische Sozialpsychologen haben es jüngst bewiesen: Die Lektüre fiktionaler Texte verbessert die Fähigkeit von Menschen, sich in andere hineinzuversetzen. Das heißt, ihre Gefühle, Bedürfnisse, Erwartungen oder auch Absichten zu vermuten und so ihr Handeln vorauszusagen. Diese Fähigkeit, die wir als Kinder schon erlernen, nennt sich fachsprachlich Theory of Mind. Einige von uns beherrschen sie besser als andere. Es liegt nahe, dass eine starke Befähigung gewisse Vorteile mit sich bringt. Stellt sich also die Frage, ob man seinen ToM-Muskel trainieren kann. Sagen wir: mit der Lektüre guter Bücher? Vielleicht sogar mit der Lektüre von Mehr Welten?

Mehr Welten, Theory of Mind, Muskeltraining

Mehr Welten als Muskeltraining für die Theory of Mind?

Die Amerikaner Kidd und Castano stellten mit ihrer Untersuchung zumindest mal die kurzfristigen Effekte der guten Lektüre dar. Die Probanden bekamen Texte zu lesen und sollten in der Folge allein anhand der Augenpartie die Gefühlslage von Fotografierten benennen. Ferner sollten sie bei ihrer Vorhersage der Handlungen eines anderen berücksichtigen, dass dessen subjektive Überzeugungen von der Realität abweichen, sprich: falsch sein können.

Ein Beispiel: Auch wenn ich bereits weiß, dass sich in einer speziellen Keksdose Miesmuscheln befinden, gehe ich davon aus, dass ein anderer, der meine Kenntnis nicht hat, in dieser Dose nachwievor Kekse erwartet. (Das klingt selbstverständlich? Ist es aber nicht. Tatsächlich trifft man immer wieder Menschen, die glauben, ihre Kenntnis müsse automatisch auch die anderer sein.)

Die beiden Sozialpsychologen haben in ihrer Studie nun gezeigt, dass allein die Lektüre von Texten, bei denen die Psychologie der Charaktere im Vordergrund steht, das Identifizieren von Emotionen und das Vorhersagen von Verhalten anderer verbessert. Sachtexte hingegen oder Fiktion, bei der Leser nicht aktiv mitdenken und interpretieren müssen, sondern nur passiv konsumieren, tragen nicht zur Verbesserung der Theory of Mind bei. Alles übrigens völlig unabhängig davon, ob die Probanden nun viele unterschiedliche Schriftsteller kannten, wie es um ihre Bildung generell stand oder ob der jeweilige Text ihnen gefallen hat.

Warum erzähle ich das? Wer sich jetzt nicht in der Lage sieht, die Absichten meines Handelns zu vermuten, kann ja mal ein paar Kapitel Mehr Welten lesen…

Wer es wissen will, wie David Comer Kidd und Emanuele Castano von The New School for Social Research genau vorgegangen sind, kann dies in Science, Vol 342, 18. Oktober 2013 ab Seite 377 nachlesen: »Reading Literary Fiction Improves Theory of Mind«

 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.